Vor dem Song Writing Camp: 10 Fragen an Thomas Schreiber

Vom 10. bis zum 12. Januar 2018 treffen sich die Teilnehmer am deutschen Vorentscheid „Unser Song für Lissabon“ in Berlin zum sogenannten Song Writing Camp (SWC), um mit der vom NDR beauftragten Publishing Task Force unter Leitung von Musikverleger Lars Ingwersen und einem guten Dutzend Komponisten und Textern an ihrem jeweils persönlich erfolgversprechensten ESC-Song zu arbeiten. Für den PRINZ-Blog ist das ein guter Zeitpunkt, zehn aktuelle Fragen an den NDR-ESC-Chef Thomas Schreiber zu richten.

Thomas Schreiber hätte nix dagegen gehabt, wenn sich internationale Jury und Eurovisionspanel auch für LaBrassBanda im deutschen Finale entschieden hätten. Wir auch nicht.

PRINZ Blog: Die ESC Fieberkurve steigt in den Tagen kurz vor dem Song Writing Camp. Viele Fans wollen wissen, wie Sie den LineUp, den die internationale Jury und das Europa-Panel ausgesucht haben, aus redaktioneller Fernsehmachersicht bewerten?

Thomas Schreiber: Ich habe großen Respekt vor der Auswahl. Aus Fernseh- und Inszenierungssicht hätte ich gerne mindestens eine Band mehr gehabt. Mir geht’s wie den Fans – erst mit dem Lied wird das Paket komplett; und ja, ein ganz schöner Aufwand auf dem Weg hierher….

Haben die internationale Jury und das Europa-Panel jeweils andere Favoriten gehabt? Gab es große Unterschiede bei der Wahl der Finalisten zwischen den beiden Gruppen?

Bei den meisten Entscheidungen lagen beide Panels – das Eurovisionspanel und die Fachjuroren – sehr nahe beieinander, so auch bei den Favoriten. Bei etwa einem Drittel der Kandidaten gab es jedoch zum Teil deutliche Unterschiede in der Beurteilung. Das entspricht ziemlich genau dem Abstimmungsverhalten, das wir alljährlich auch beim ESC beobachten können, weswegen wir bei der Kandidatenauswahl für den nationalen Vorentscheid auch unbedingt beide Sichtweisen in die Auswahl der Finalisten einfließen lassen wollten.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir die Detailergebnisse nicht ausbreiten – das liegt nicht an Geheimniskrämerei, sondern daran, dass im Vorentscheid über das Gesamtpaket von Künstler und Lied entschieden werden soll.

Wie ist die internationale Jury zusammengesetzt? Sind ehemalige ESC-Künstler dabei? Mögen Sie schon Jury-Namen nennen oder wann werden diese veröffentlicht?

Bei der internationalen Jury warten wir noch auf eine Bestätigung; ein finnischer Juror hatte uns während der Abstimmung kurzfristig absagen müssen. Wir haben dann einen bekannten deutschen Musiker mit ESC-Jury-Erfahrung gewinnen können, der binnen 12 Stunden seine Bewertung abgab – herzlichen Dank dafür! Wir sind noch unschlüssig, ob wir die Jury-Namen in der Show bekanntgegeben oder vorher.

Das Song Writing Camp (SWC) steht kurz bevor. Werden alle sechs Künstler in Berlin dabei sein? Wie dürfen wir uns die praktische Arbeit im SWC vorstellen?

Bei einer Künstlerin habe ich noch keine verbindliche Zusage, dass sie vor Ort ist. Wir beginnen am Mittwoch, 10. Januar 2018, mit einem ausführlichen Briefing aller Teilnehmer. Dann wird in den fünf uns zur Verfügung stehenden Studios (die übrigens „state of the art“ und sehr schön sind) in wechselnden Formationen gearbeitet. Nach meiner Vorstellung wird dort die Grundlage gelegt – und in den Tagen danach kann weiter gearbeitet werden.

Welche Komponisten und Autoren sind neben der Publishing Task Force im Song Writing Camp dabei?

Das geben wir voraussichtlich am Dienstag (9. Januar 2018) bekannt. Übrigens haben wir auch eine ganze Reihe von Songs zugeschickt bekommen, die jetzt ebenfalls mit in den Auswahlprozess einfließen.

(Die Besetzung der Publishing Task Force haben wir am Ende dieses Interviews noch einmal erläutert.)

Einige der diesjährigen Acts bringen eigene Songs mit ins SWC. Ist das nicht der Idealfall, weil dann Künster und Song eine harmonische Einheit bilden?

Der Idealfall ist sicher, wenn Song und Artist eine perfekte Symbiose eingehen und es keine Rolle spielt, woher das Lied kommt – bei Loreen oder Lena war der Song nicht von ihnen und dennoch war es ‚made in heaven‘.

Wer kümmert sich um die Inszenierung in der Liveshow, wenn die Songs ausgesucht sind?

Das werden wir mit Regie, Bühne und Licht entwickeln. Da wir die Songs noch nicht kennen, werden wir später entscheiden, ob wir weitere Experten dazu holen.

Das erste Feedback auf die beiden Moderatoren Linda Zervakis und Elton ist überwiegend sehr gut…

Elton und Linda Zervakis sind zwei Menschen, deren Professionalität ich außerordentlich schätze und die für Live-Sicherheit, Klugheit, Erfahrung und großen spontanen Witz stehen. Linda hat diese unnachahmliche Mischung aus Seriösität, schnellen Synapsen und großartigem Humor.

Und Elton ist nicht nur seit seiner Mitarbeit bei „Wer weiß denn sowas“ einer der beliebtesten Köpfe im Ersten. Er bringt natürlich beste ESC-Erfahrung aus seiner Zusammenarbeit mit Stefan Raab mit. Meine liebste Erinnerung an Elton ist – nach dem Sieg in Oslo – die Fahrt vom Flughafen Hannover zum Rathaus. Da ich das Ganze mitorganisiert hatte, musste ich ja gucken, dass alle meine Schäfchen in den Autos sitzen, und fuhr am Ende der Kolonne. Eltons Lebensfreude, der im Auto vor mir saß, mit seinen Händen auf dem Autodach lag und mit seinem halbnackten Hintern aus dem Fenster hing und sich mit den Menschen am Straßenrand auf das Herzlichste freute, war herrlich. Am 22. Februar werden Elton und Linda gemeinsam den Vorentscheid souverän rocken.

2017 gab es als Interval Acts ein wunderbares Medley von Nicole, Ruslana und Conchita. Werden auch 2017 frühere ESC Künstler Bestandteil von „Unser Lied für Lissabon“ sein? Und wird möglicherweise Levina dabei sein?

An den Intervall-Acts schrauben wir noch.

Können Sie schon etwas zum Ablauf der Show verraten? Gibt es zum Beispiel mehr als eine Votingrunde?

Darüber reden wir uns die Köpfe heiß.

Redaktionelle Information: Das Interview wurde schriftlich geführt.

Thomas Schreiber und HoD Germany Christoph Pellander beim ECG-Clubtreffen 2017 in Köln

 

Backgroundinfo zum Song Writing Camp: Wer ist die „Publishing Task Force“?

Bei der Auswahl des passenden ESC-Songs für die sechs Finalisten wird eine „Publishing Task Force“ zum Einsatz kommen, die von Lars Ingwersen, Managing Director von California Sunset Records (mehr Infos hier), gebrieft wird. Er wird den Prozess mit den beteiligten Musikverlegern steuern, die da sind:

Benjamin Budde,  Geschäftsführer und A&R Chef bei Budde Music

Benny ist ein erfolgreicher Berliner „Jungunternehmer“ in zweiter Generation (auch) mit Eye Candy Qualitäten – er ist unter anderem Mastermind des Erfolgs von Alvaro Soler, sein Vater hat Alphaville „Big in Japan“ und auch sonst auf der ganzen Welt gemacht. Und Benny ist seit einigen Jahren auch der Musikverleger von Lena (Meyer-Landrut), die gerade „ehrlich, verletzlich und bewegend“ (Hamburger Morgenpost)  bekanntgegeben hat, eine kreative Pause einzulegen.

Sina Warschaffe, Head of A&R BMG Rights Management

In einer Presseinfo lobt BMG Sina für ihre Arbeit mit Künstler wie Dat Adam, Niila, Teesy, Pohlmann, Adesse, Jonas Monar und mit Autoren wie Crada (Bibi Bourelly, Drake), Alex Freund (Silly), Joe Walter (Felix Jaehn, Yvonne Catterfeld), Sera Finale (Udo Lindenberg, Sido), Beatgees (Tim Bendzko, Namika), Fabian Römer (Namika) und Jasmin Shakeri (Andreas Bourani), die sie für BMG unter Vertrag nahm.

Alexander Schedler, Head A&R, Schedler Musikverlag

Alex ist ebenfalls Juniorchef in einem Familienunternehmen – einem mit Hauptsitz in Österreich. Schedler Music vertritt unter anderem Künstler wie Glasperlenspiel, Wincent Weiss, Silbermond, Beatrice Egli, die Vorentscheidungsteilnehmer VoXXclub und – Achtung ESC Alarm! – Francine Jordi, aber auch eine große Bandbreite von Songwritern, darunter – nochmal ESC plus Eye Candy Alarm! – Lukas Plöchl.

Maximilian Paproth, Senior Director A&R Central Europe Universal (ab 1. Februar 2018)

Max hat witzigerweise seine beruflichen Roots ebenfalls bei Bennys Vater Rolf Budde, wo er bereits den Tätigkeitsschwerpunkt A&R hatte. Seine Aufnahme in die A-List der Branche gelang ihm (seit) 2013 bei SONY, ihm werden – unter anderem – maßgebliche Anteile an der Erfolgsgeschichte von „Milky Chance“ zugeschrieben. Universal hat ganz aktuell bekanntgegeben, Max von SONY abgeworben zu haben und hat extra eine „neu geschaffene“ wohlklingende Position einer Senior Directors (s.o.) für ihn erfunden.

Auch Benjamin Budde ist beteiligt am Song Writing Camp in Berlin-Kreuzberg.