Vor Ort beim Junior Eurovision 2014: Große Songs beim Kindergeburtstag

Vincenzo Cantiello, Junior Eurovision Song Contest 2014 (Copyright: PBS)
Vincenzo Cantiello (Copyright: PBS)

Déjà-vu beim Junior Eurovision in Malta: Ein halbes Jahr nach dem ESC in Kopenhagen steht Matthias wieder „in the middle of nowhere“ in einem Industriegebiet vor einer leicht verfallen wirkenden Ex-Schiffswerft, in der nur wenige Stunden später eine große europäische TV-Show stattfinden sollte. Piepsige Stimmen und kindgerechte Songs, die schon 16-Jährigen kaum mehr gefallen? Von wegen! Ein Erfahrungsbericht zwischen großen Gesten, Pressezentrumchen und Kissenschlacht.

Als nach zweieinhalb Stunden der Gewinner des 12. Junior Eurovision Song Contest feststeht und Italien als Newcomer aus dem Stand den Sieg davonträgt, schreibt mir Jan – der mit WM zusammen den PRINZ Liveblog gemacht hat – per SMS nach Malta in die Halle: „Wir sollten da auch mal mitmachen!“ In der Tat: Deutschland, sprich NDR und ARD, könnten wirklich langsam mal den Weg zum JESC antreten. Immerhin war Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber im vergangenen beim JESC in Kiew vor Ort. Mehr ist daraus bisher nicht geworden.

Anders als bei der RAI: Die Italiener wagten sich 2014 das erste Mal zum JESC – und gewannen prompt. Völlig zu recht. Vincenzo ragte heraus, nicht nur weil er der einzige singende Junge des Abends war, sondern auch musikalisch wie gesanglich. Der Teenie aus der Nähe von Neapel mit dem breiten gewinnenden Lächeln eroberte nicht nur das abstimmende Publikum zuhause auf Anhieb, auch in der Halle mit 4.000-4.500 Zuschauern erntete er großen Applaus.

Vincenzo Cantiello (Siegerauftritt), Junior Eurovision Song Contest 2014
Vincenzo Cantiello, Italien

Unerreicht blieb freilich der Applaus-Sturm, der aufbrauste, noch ehe wenig später Local Heroine Federica Falzon die Bühne betrat. Die zur Showarena umgebaute Ex-Schiffswerft tobte, man musste fürchten, dass die kurzfristig eingebauten Sitzreihen einbrechen könnten. Das Maltaflaggenmeer wogte, und als nach einer guten Minute eigentlich die gesamte Halle aufsprang, blieb mir in Reihe K nichts anderes übrig als ebenfalls aufzustehen. Auch wenn mich „Diamonds“ musikalisch gar nicht so sehr umhaute.

Federica Falzon, Junior Eurovision Song Contest 2014
Federica Falzon, Malta

Klar, Federica hat für ihre elf Jahre eine unglaubliche Stimme. Das nützt (zumindest meiner Meinung nach) aber wenig, wenn dem Lied eine wirklich einprägsame Melodie fehlt.

So kam es, wie es kommen musste. Die Erwartungen in Malta waren riesig: Viele schlossen nicht nur aus patriotischen Gründen einen Sieg nicht aus – schließlich wäre man dann das erste Land, das zwei Mal hintereinander den JESC gewonnen hat. Und alles andere als wenigstens ein 2. Platz für Federica musste als Demütigung angesehen werden. Und so schwankte das lokale Publikum in der Arena zwischen Schock, Unglauben und Entsetzen, als ein Land (Kroatien) im Voting Malta sogar keinen einzigen Punkt gab. Und Länder nur niedrige Punktzahlen für die Opernstimme übrig hatten (Bulgarien, Schweden, Niederlande).

Am Ende schaffte Federica nicht einmal den Sprung unter die ersten Drei. Die Winner’s Press Conference im kleinen Pressezentrum direkt neben der Halle wurde im Anschluss an die Show von Vincenzo, der Bulgarin Krisia mit ihren Begleitpianistenzwillingen Hasan und Ibrahim sowie der drittplatzierten Armenierin Betty bestritten.

Sieger-Pressekonferenz, Junior Eurovision Song Contest 2014
Sieger-Pressekonferenz
Sieger-Pressekonferenz, Junior Eurovision Song Contest 2014
Sieger-Pressekonferenz

Erst als die Top 3 längst das Pressezelt verlassen hatten, kamen auch Federica und Vorjahresgewinnerin Gaia Cauchi noch, Federica aufgelöst mit leicht geröteten Augen. Das krasse Gegenteil zu der großen Freude nur 10 Minuten zuvor: ein über beide Ohren strahlender Vincenzo Cantiello, eine gut gelaunte Betty und auch ein zufriedenes bulgarisches Team.

Die wichtigsten Zitate aus der Pressekonferenz: „Ich habe das Lied für alle Frauen dieser Welt gesungen!“ (Vinnie), „Ich hatte keine Angst, als meine Tänzerinnen über mir an den Tüchern hingen – denn sie sind Professionals“ (Betty), „Das war eine schöne Zeit in Malta und es war schön, mit Hasan und Ibrahim auf der Bühne zu sein“ (Krisia). Die drei bekamen Siegestrophäen, die sie stolz in die Kameras hielten.

Siegertrophäen, Junior Eurovision Song Contest 2014
Siegertrophäen, Junior Eurovision Song Contest 2014

Italiens Delegationsleiter Nicola Caligiore wurde natürlich mehrfach versucht auf eine Ausrichtung in 2015 festzunageln – doch er wich geschickt aus. Es sei ja nicht an ihm, das zu entscheiden. Er werde aber den Verantwortlichen der RAI berichten, wie großartig der Junior Eurovision Song Contest in Malta gewesen sei, und werde dafür werben, den Wettbewerb im nächsten Jahr in Italien auszurichten. Aber versprechen könne er jetzt eben nichts.

Großes Lob allenthalben gab es für PBS: Das maltesische Fernsehen hatte eine großartige Show auf die Beine gestellt, die Schiffswerft prima umgebaut. Sehr schön war vor allem die Idee, direkt vor der Bühne in der „Standing Area“ Platz frei zu halten für eine Reihe von maltesischen Schulklassen. Diese waren in den Tagen zuvor von einzelnen JESC-Delegationen besucht worden und hielten nun jeweils für diese Delegation Schilder hoch und wedelten die Landesfahnen – eine gute Idee angesichts der Tatsache, dass anders als beim großen ESC kaum Fans (vor allem im gleichen Alter wie die jungen Künstler) aus den teilnehmenden Ländern zum Contest reisen.

Sicherlich lief manches auch mal chaotisch. Ich kam erst am Tag des Finales am Mittag an der Ex-Schiffswerft an, bei der schon ein paar Fensterscheiben eingeschlagen waren, und ging in das kleine Zelt, das neben der Halle für die Presse aufgebaut war. Die maltesischen Volunteers waren sehr freundlich, aber eine offizielle Tasche hatten sie für mich nicht mehr – offenbar waren zu wenige bestellt worden. Eine Kleinigkeit, nur, aber ein Beispiel für manches kleine Chaos im Hintergrund. Das Pressezentrum war eher klein und rustikal eingerichtet: ein paar Tische mit Stühlen und Steckdosen für die Presse; grobe Spanplatten trennten den Hauptraum von Interviewraum und Pressekonferenz-Saal. Alles schlicht, aber funktional. Das W-LAN lief problemlos, Wasser, Bananen und Äpfel gab es gratis, auf zwei großen Bildschirmen ließ sich die Show verfolgen.

Am letzten Tag wurden wir Presse-Akkreditierten plötzlich nicht mehr in die kleine Proforma-Kantine zugelassen, was an den Tagen zuvor wohl völlig normal gewesen war. Die erfinderischen Volunteers am kleinen Welcome-Stand machten, was man in Südeuropa in solchen Fällen wohl macht: sie händeten uns kurzerhand einen „temporary pass“ als Akkreditierte der Kategorie S2 aus, mit der man Zugang in den Backstage-Bereich und damit auch in die Kantine hatte.

Manches Merkwürdige geschah aber nicht nur hinter, sondern auch auf der Bühne. Noch bei Generalproben funktionierten die LED-Bildschirme teils nicht richtig. Richtig hart wurde es, als während des Juryfinals am Freitagabend schon bei Startnummer 2 (Bulgarien) plötzlich der Strom in der Halle ausfiel – und auch nach 60 Minuten immer noch nicht wiederkam. Nach über einer Stunde ging es dann endlich weiter, und Krisia, Hasan und Ibrahim fingen noch mal von vorne an. Die maltesischen Reaktionen danach waren heftig: „Wie peinlich! Wir kriegen ein solch großes Event nicht gestemmt!!“ Eine nationale Katastrophe. PBS berief kurzfristig eine Pressekonferenz ein, um die Wogen zu glätten.

Am Samstag ging aber alles glatt. Zwar musste selbst eine gute Stunde vor Beginn der Sendung noch manches hinter den Kulissen geklärt werden. Aber das ist wohl bei jeder Show so. Punkt 19 Uhr erklang dann jedenfalls die Eurovisionshymne in der Arena – und der Contest konnte beginnen. Mit vielleicht etwas zu viel Getanze in den Interval Acts (ein Großteil der übertragenden TV-Sender schoben Werbung ein) und einer vor allem anfangs recht verkrampft wirkenden Moria Delia, die durch den Abend führte. Nett war der Interval Act mit Vorjahressiegerin Gaia Cauchi und dem Animae Gospel Choir – ganz vorn stand Maltas ESC-Düsseldorf-Vertreter Glen Vella.

Gaia Cauchi mit Animae Gospel Choir, Junior Eurovision Song Contest 2014
Gaia Cauchi mit Animae Gospel Choir
Gaia Cauchi, Junior Eurovision Song Contest 2014
Gaia Cauchi

Die Qualität der Songs war überraschend hoch. Ich war das erste Mal zum Junior Eurovision gereist – hatte überhaupt vorher nie den Wettbewerb gesehen und halt mit einer Reihe kindgerechter Lieder gerechnet, vorgetragen von teils piepsigen Mädchenstimmen und Jungs im Stimmbruch. Doch echte Kindersongs gab es kaum. Am ehesten wohl noch „Happy Day“ von Lizi Pop aus Georgien (und auch eher piepsig). „Game Over“ aus Kroatien war ebenfalls eher nervig.

Lizi Pop, Junior Eurovision Song Contest 2014
Lizi Pop, Georgien
San Marino, Junior Eurovision Song Contest 2014
The Peppermints, San Marino

Aber auf der anderen Seite fanden sich Beiträge, die als Komposition so ebenso im Erwachsenen-Wettbewerb hätten starten können. Allen voran sicher „I pio omorfi mera“ aus Zypern, aber auch „Svet u mojim ocima“ aus Serbien oder „Dreamer“ aus Russland.

Sophia Patsalides, Junior Eurovision Song Contest 2014
Sophia Patsalides, Zypern
Weißrussland, Junior Eurovision Song Contest 2014
Nadsjesda Missjakawa, Weißrussland

Und wohl auch der Siegertitel „Tu primo grande amore“. Wir saßen zufälligerweise eine Reihe vor Mitgliedern von OGAE Italien, die angereist waren und es während des Votings kaum glauben konnten, dass die 12er- und 10er-Punkte nur so rieselten. Beim Siegerauftritt wedelten sie wild mit ihren großen tricolori.

OGAE Italien jubelt über Vincenzos Sieg, Junior Eurovision Song Contest 2014
OGAE Italien jubelt über Vincenzos Sieg

Nach Show, Siegerpressekonferenz und letzten Gesprächen im Pressezelt zog es mich und meine Begleiter von Radio International aus Holland gegen Mitternacht noch ins Luxushotel Excelsior nach Floriana, wo die Delegationen untergebracht waren und wo im Untergeschoss gewissermaßen der Junior Euroclub aufgeschlagen hatte. Ein ungewöhnlicher Euroclub: Es lief keine Eurovision-Musik, sondern die teilnehmenden Kids – von Sophia aus Zypern bis zur kleinen Alisa aus Russland – sangen aktuelle Popsongs, zum Beispiel „Get lucky“.

Das ganze wirkte eher wie ein großer Kindergeburtstag. In einer Ecke standen ein Tischkicker, Tischbillard, eine Playstation und eine Tischtennisplatte – und jede Menge Kinder drumherum, Josies kroatische Tänzer etwa oder die Mädels aus Georgien. Gegen 1:30 Uhr ging die Party zu Ende. Einige aufgedrehte Teenies machten mit kleinen Sitzkissen noch eine Kissenschlacht, und wir fuhren zurück in unserer Apartment…

Vincenzo Cantiello: Tu primo grande amore

Mein Fazit nach dem Junior Eurovision: PBS präsentierte eine unterhaltsame Show mit einigen wirklich guten Songs, die man auch danach gern nochmal hört. Die Bühne war etwas kleiner als beim großen Eurovision Song Contest, aber technisch doch ähnlich beeindruckend. Das Rahmenprogramm stimmte, am Eingang wartete wie beim ESC ein Merchandise-Stand mit T-Shirts, Schlüsselanhängern und Taschen auf Kunden (das offizielle Programmheft lag gratis auf jedem Sitz). Das ganze ist eine großartige Familiensendung, die die ARD nicht länger dem deutschen Publikum vorenthalten sollte. Nach dem Debüt des Big-5-Landes Italien sollte es leichter fallen, zu folgen. Nicola Caligiore versprach jedenfalls, bei seinen Kollegen für den JESC zu werben.

Opening, Junior Eurovision Song Contest 2014
Opening
Sympho-Nick, Junior Eurovision Song Contest 2014
Sympho-Nick, Ukraine
Interval Act mit den Southville Dancers, Junior Eurovision Song Contest 2014
Interval Act mit den Southville Dancers
Ula Ložar, Junior Eurovision Song Contest 2014
Ula Ložar, Slowenien
Betty, Junior Eurovision Song Contest 2014
Betty, Armenien
Julia van Bergen, Junior Eurovision Song Contest 2014
Julia van Bergen, Niederlande
#Together song, Junior Eurovision Song Contest 2014
#Together song
Moira Delia mit der Punktewand, Junior Eurovision Song Contest 2014
Moira Delia mit der Punktewand
Pressezentrum, Junior Eurovision Song Contest 2014
Pressezentrum
Halle vier Stunden vor der Show, Junior Eurovision Song Contest 2014
Halle vier Stunden vor der Show
Press Voting, Junior Eurovision Song Contest 2014
Press Voting