Vorauswahl oder TV-Zuschauer: Wo ist der Schwachpunkt der deutschen Beitragskür?

„Die Zuschauer haben doch Perfect Life mit großer Mehrheit gewählt“, hieß es vom NDR im Nachgang zu Levinas 25. Platz in Kiew. Mit anderen Worten: Sie bzw. wir, die Zuschauer, haben es verbockt. Hätten wir anders abgestimmt, wäre alles viel besser gewesen. Wirklich? Haben die deutschen TV-Zuschauer kein Gespür für Siegerbeiträge? Wir gehen der Frage auf den Grund. Eine Datenanalyse.

Tragen die deutschen TV-Zuschauer Schuld am schlechten Abschneiden der hiesigen Beiträge in den letzten Jahren? Haben Sie einfach keinen Riecher dafür, was international funktioniert? Wir werden nie wissen, ob Levina mit „Wildfire“ in Kiew besser abgeschnitten hätte. Oder Alex Diehl besser als Jamie-Lee. Oder der Graf besser als Elaiza. Man kann sich aber der Fragestellung nähern, indem man prüft, ob die deutschen TV-Zuschauer grundsätzlich in der Lage sind, Acts zu erkennen und an die Spitze zu voten, die beim ESC erfolgreich sind. Also: Ist der Geschmack der deutschen TV-Voter beim ESC international kompatibel? Und wie stehen sie im internationalen Vergleich mit anderen TV-Votern da?

Das Vorgehen dafür geht ganz einfach. Es muss nur ausgewertet werden, wie weit das Ranking der ESC-Final-Beiträge gesamt von dem Ranking der deutschen TV-Zuschauer abweicht. Ein einfaches Verfahren dafür ist die Ermittlung der Platzierungsabweichungen der einzelnen Beiträge zwischen dem Gesamt- und dem deutschen Ergebnis und die Addition der entsprechenden Beträge. Alternativ lässt sich der jeweilige Korrelationskoeffizient zwischen den jeweiligen Rankings ermitteln.

Der in diesem Fall geeignete Rangkorrelationskoeffizient rho nach Spearman kann Werte zwischen -1 und +1 annehmen. Bei +1 liegt ein perfekter positiver Zusammenhang zwischen zwei Rangreihungen vor. Konkret: Die deutschen TV-Zuschauer hätten den 26 Final-Beiträgen exakt dieselben Platzierungen gegeben wie die Zuschauer aus ganz Europa zusammen. Bei -1 liegt ein perfekter negativer Zusammenhang vor. Deutschland hätte in diesem Fall den Gesamtsieger auf den letzten Platz gepackt, den Gesamt-Zweiten auf den vorletzten usw. Beim Wert 0 gibt es keinen systematischen Zusammenhang zwischen den beiden Rangreihen.

Arbeitshypothese: Je besser das deutsche Televoting-Ergebnis mit dem internationalen übereinstimmt, desto eher kann man unterstellen, dass die deutschen Zuschauer in der Lage sind, erfolgreiche ESC-Acts zu erkennen.

Zwei Einschränkungen sind dabei zu machen: Länder mit einer großen Diaspora können auf einen niedrigeren Korrelationswert kommen, da die Diaspora auch einen Beitrag an die Spitze voten kann, der international schlecht abschneidet (wie die türkischen Beiträge in Deutschland oder die litauischen in Irland). Außerdem kann nicht vorausgesetzt werden, dass die Zuschauerschaft beim nationalen Vorentscheid identisch ist mit der beim Finale des ESC. Schauen etwa jüngere Zuschauer beim Vorentscheid nicht zu, beim ESC hingegen schon, wäre ein Rückschluss auf die Auswahlsicherheit international erfolgreicher Acts bereits beim Vorentscheid nur bedingt möglich.

Für die Jahre 2014 bis 2017 betrachten wir zunächst die Korrelation der nationalen TV-Votings mit dem internationalen Gesamt-TV-Voting, also ohne die Jury-Wertungen. Diese wurden für alle vier Jahre berechnet und dann gemittelt.

Zunächst die gute Nachricht: Kein nationales TV-Voting korreliert negativ mit dem Zuschauervoting aller Länder. Den größten positiven Zusammenhang weist San Marino auf. Das erklärt sich schnell, wenn man berücksichtigt, dass das Televoting dort rechnerisch aus dem Voting umliegender Länder berechnet wird. Weißrussland, Tschechien und Bulgarien sind dann aber doch eher unerwartete Nächsthöchstplatzierte. Dies könnte ein Fingerzeig zumindest an die Tschechen sein, es doch noch einmal mit einem nationalen Vorentscheid zu versuchen, denn so ein ganz schlechte Näschen scheinen die tschechischen Televoter in Sachen europäischem Geschmack nicht zu haben.

Deutschland liegt auf einem guten 15. Platz mit einem durchschnittlichen (aus rein statistischer Perspektive: starken) Korrelationswert von 0,723. Das ist auf Augenhöhe mit Ländern wie Frankreich und Niederlande sowie Polen und Schweden.

Am Ende der Liste liegen Irland (ein Einflussfaktor: Litauische-Diaspora-Effekt), Georgien, Dänemark, Australien, Armenien und die Schweiz. Deren Televoter weichen in ihrem Gesamtranking schon deutlich von der europäischen Durchschnittsmeinung ab. Die Iren waren mit ihrer internen Nominierung in diesem Jahr also gar nicht so schlecht beraten. Vielleicht sollte sich das die Schweiz auch überlegen. Andererseits gibt es bei den Eidgenossen viele Einwanderer vom Balkan, die hier durchaus das Ergebnis beeinflusst haben könnten.

Etwaige Diasporas haben in Deutschland offensichtlich keinen wesentlichen (also verzerrenden) Einfluss auf die Korrelation zum Gesamtergebnis gehabt. Das mag daran liegen, dass die Türkei in keinem der Jahre dabei war. Der Einfluss der Gruppe der Russlandstämmigen in Deutschland auf die Korrelation war in den Jahren 2014 bis 2016 nur minimal, da sich die russischen Beiträge auch immer an der ESC-Spitze platzieren konnten.

Nun ist für die endgültige Platzierung beim ESC nicht allein das Zuschauervoting entscheidend, sondern auch die Jurys geben ihre Stimme ab. Es ist nicht sinnvoll, Korrelationen der nationalen Jury-Rankings aufzustellen, da diese Jurys nur aus fünf Personen bestehen, die darüberhinaus jährlich wechseln. Eine Kontinuität ist da nicht gegeben. Dennoch lohnt sich die Berechnung der Korrelation von den nationalen TV-Voting-Ergebnissen mit dem ESC-Gesamtergebnis einschließlich der Jurys.

Hier fallen die Korrelationen insgesamt schon nicht mehr so hoch aus wie bei der alleinigen Betrachtung der Zuschauerstimmen. Darüber hinaus sehen wir einen Wechsel an der Spitze: Die finnischen, schwedischen und lettischen TV-Voter stimmen in ihrem Urteil am stärksten mit dem Endergebnis einschließlich der Jury-Stimmen überein. Aber auch Estland, Ungarn und – plötzlich ganz oben dabei – Dänemark, also Länder mit großen Vorentscheiden, können hier punkten.

Deutschland fällt bei dieser Betrachtung deutlicher ins Mittelfeld, allerdings ist das Voting auch in diesem Fall nicht komplett abweichend vom Gesamtergebnis. Anders sieht es hier wiederum bei der Schweiz, Italien, Georgien und Bosnien aus (wobei von Bosnien nur ein Jahr ausgewertet werden konnte).

Fazit aus deutscher Perspektive

Stimmt es nun, wählen die deutschen TV-Zuschauer tendenziell Beiträge, die in Europa nicht reüssieren können, weil sie einen zu abweichenden Geschmack haben? Ganz klar: Nein! Die deutschen TV-Voter weisen eine hohe Korrelation zu den Vorlieben der Zuschauer in den anderen Ländern auf. Wenn die Jury-Votes mitbetrachtet werden, sieht es etwas schlechter aus. Aber auch hier gibt es nach wie vor einen recht starken Zusammenhang. Die deutschen TV-Zuschauern sind nicht der Schwachpunkt bei der Beitragskür.

Vielmehr gilt: Wenn es dem NDR gelingt, zum deutschen Vorentscheid eine ähnliche Zuschauerstruktur wie zum ESC-Finale zu aktivieren, kann man die Entscheidung über den deutschen Beitrag weiterhin getrost in die Hände der Televoter legen. Sie sind in der Lage den Act herauszufinden, der am besten in Europa abschneiden kann. Das setzt aber voraus, dass das entsprechende Angebot, aus dem sie auswählen können, überhaupt wettbewerbsfähige Beiträge enthält. Ist das nicht gegeben, können die Zuschauer auch kein Wunderwerk vollbringen.

Für den NDR heißt das ganz klar: Er muss liefern. Und zwar bessere Lieder – davon lieber mehr als zu wenig – und diese beim Vorentscheid idealerweise bereits in einer Darbietungsform vorstellen, in der sie auch in Europa präsentiert werden könnten.