Voting-Skandal beim Semi: Russische Jury periscopet sich bei der Arbeit

Jury Russland Leak Periscope Semi 2016

„Jury Polufinal der Eurovision“: so korrekt und damit bestens zum Auffinden geeignet, hat die russische ESC-Jurorin Anastasija Stotskaja (Aufmacherfoto) ihren Periscope-Link genannt. 1.707 Zuschauer folgten ihrer Einladung – und besiegelten damit den Skandal. Die eigentlich geheime Jury-Arbeit wurde öffentlich. Besonders heikel: Es sind auch Wertungen zu sehen. Die EBU hat für Dienstagnachmittag eine Stellungnahme angekündigt.

Welche Folgen der Periscope-Leak auch immer haben wird, eins ist dauerhaft klar geworden: ESC-Juryarbeit ist alles andere als glamourös. In einem vergleichsweise abgerockten Büro haben sich die russischen Juroren versammelt, um am Montagabend das Jury-Finale des ersten Semis aus Stockholm per Stream zu verfolgen. Auf dem Tisch stehen Kekse, Pralinen und Wasserflaschen. Die Juroren tragen Freizeitkleidung.

Russland Jury Semi 2016

Russland Jury Semi 2016

Russland Jury Semi 2016

Die Stimmung ist entspannt. Zu entspannt, will man fast meinen. Zumindest läuft eine Person mit Handy am Ohr durch das Bild und telefoniert eine Weile. Aufmerksame Juryarbeit stellt man sich eigentlich anders vor.

Jury Russland Semi 2016

Zu sehen sind in dem fast sieben Minuten langen Video vor allem der Beitrag der Niederlande und von Armenien. Beide scheinen auf Wohlwollen zu stoßen. Während die Musicalsängerin Anastasia Stotskaja (die übrigens 2005 beim russischen Vorentscheid angetreten ist) bei Douwe Bob mehrfach mit den Augen zwinkert, freut sich ein anderer Juror über die Pyrotechnik im armenischen Beitrag.


Das Periscope-Video auf YouTube

So problematisch es bis hierher ist, so heikel ist die Tatsache, dass zeitweise auch ein Wertungszettel zu sehen ist, auf dem Notizen gemacht wurden. Während hinter Griechenland und Ungarn ein Minuszeichen steht, kann sich der Niederländer über ein dickes Plus freuen.

Voting Russland Jury 2016

Spätestens hiermit ist die Juryentscheidung keine vollständig geheime Entscheidung mehr. Das Regelwerk sieht jedoch vor, dass die Wertungen erst nach dem Finale am Samstag bekanntgegeben werden dürfen.

Die Veröffentlichung des Videos, das live allein von 1.707 Zuschauern gesehen wurde und weiterhin auf Periscope abgerufen werden kann (Stand Nacht zum Dienstag), ist nicht rückgängig zu machen – und die russische Jury und ihre Entscheidung in Bezug auf das erste Semi damit nicht mehr tragbar. Hier ist nun die EBU als Ausrichter des ESC gefordert. Diese hat bereits kurz nach 1 Uhr nachts bekanntgegeben, alle Fakten zusammenzusuchen und dann bis Dienstagnachmittag eine Entscheidung fällen zu wollen.

EBU Russland Jury 2016