Waar ben je heen – Mit 66 Jahren starb viel zu früh die Sängerin Sandra Reemer

„Wohin bist du gegangen“ heißt ins Deutsche übersetzt der Beitrag „Waar ben je heen“, den Sandra Reemer 1979 neben vier weiteren Liedern in der nationalen Vorentscheidung singen durfte. Nun hat sich die großartige Künstlerin für immer von ihrem Publikum verabschiedet. Mit nur 66 Jahren erlag die vielseitige Entertainerin den Folgen ihrer Brustkrebserkrankung. Ihre Fans trauern mit ihrer Familie und Freunden. Was bleibt sind wunderbare Erinnerungen an eine. Sympathieträgerin des niederländischen Showbusiness.

Am 17. Oktober 1950 erblickte Sandra als Barbara Alexandra Reemer in Bandung, Indonesien, das Licht der Welt als älteste Tochter niederländischer Eltern, in deren Stammbaum auch chinesische und javajanische Einflüsse zu finden sind. Mit acht Jahren musste die Familie ein neues Leben in den Niederlanden aufbauen, da Indonesien 1958 unabhängig wurde und alle Niederländer das Land zu verlassen hatten.

Ihr neues Zuhause lag in Brabant und Barbara Alexandra besuchte eine Schule, die von Ordensschwestern geleitet wurde. Hier wurde die Basis für den späteren Künstlernamen gelegt. Da das X in AleXandra als ein teuflischer Buchstabe empfunden wurde, durfte sich das kleine Mädchen nur noch Sandra nennen.

Schön früh kam Sandra mit der Musik in Berührung. Ausgestattet mit einer selbstgemachten Gitarre bestritt sie schon als Teenager Talentwettbewerbe und nahm eine Single auf.

Unter den Fittichen von Hans van Hemert entstand 1966 mit Dries Holten das Duo Sandra & Andres. Zu Beginn blieben die großen Erfolge aus, so dass auch Soloprojekte möglich waren. Am 11. Februar 1970 stellte sie sich zum ersten Mal dem niederländischen Publikum in einer nationalen Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest, doch „Voorbij is de winter“ von Harry Sacksioni und Herman Leefsma erreichte nur einen geteilten siebten Platz mit null Punkten.

Im Sommer des gleichen Jahres hielt plötzlich der Erfolg Einzug in Sandra & Andres‘ Künstlerleben. Mit „Let us pray together“ landeten sie einen Top Ten Hit, dem weitere folgten. So entschied sich die NOS 1972 das Duo direkt für den Song Contest in Edinburgh zu nominieren. Drei Lieder schrieben Hans van Hemert und Dries Holten für die nationale Entscheidung am 22. Februar. Auf Platz 3 landete „Lang zo fijn niet“ mit 9 Punkten und auf Platz 2 die sehr beliebte tragende Ballade „De oude zigeuner“ mit 28 Punkten. Doch schwungvoll wollte man die zwei in Schottland sehen und somit holte „Als het om de liefde gaat“ überzeugend mit 73 Punkten den ersten Platz. Als letztes ging das Duo in der Usher Hall in Edinburgh auf die Bühne und erreichte mit 106 Punkten einen sensationellen 4. Platz.

Sandra & Andres – Als het om de liefde gaat

Das Duo setzte die Zusammenarbeit erfolgreich fort. Es folgten auch Auftritte im deutschen Fernsehen wie hier in der Hitparade

Sandra & Andres – Tschinderassassa

1975 entschloss sich Dries Holten plötzlich hinter Sandras Rücken mit Rosy Pereira ein neues Duo zu bilden. Sandra und Andres gingen im Streit auseinander. Schon im Jahr darauf gab es den Showdown zwischen den beiden in der nationalen Ausscheidung am 18. Februar für die Teilnahme am Grand Prix in Den Haag. Sandra Reemer sang nun solo ein Lied von Hans van Hemert und schlug mit „The Party’s over“ ihren Ex-Sangespartner mit 18 Punkten Differenz und der Aussicht auf eine erfolgreiche Solokarriere. International wurde sie mit 56 Punkten Neunte.

Sandra Reemer – The Party’s Over

Das Zerwürfnis zwischen den beiden Duettpartnern blieb lange bestehen. Als 1997 eine Doppel-CD mit allen niederländischen Beiträgen herausgebracht wurde, wollte Sandra Reemer nicht mit Dries Holten auf ein Foto. Maggie MacNeal ließ sich mit ihr ablichten, denn sie wollte ihrerseits nicht mit ihrem Duettpartner Mouth auf ein Foto. Erst 2013 kam es zur Versöhnung im Rahmen einer Dokumentation.

Der Eurovision Song Contest blieb auf musikalischer Ebene das Erfolgsrezept für Sandra Reemer, denn Folgesingles konnten keine bedeutenden Chartnotierungen ausmachen. Erst 1979 kehrte mit der dritten Teilnahme am internationalen Wettbewerb das Glück zurück. Dieses Mal durfte Sandra Reemer allein die Vorentscheidung am 7. Feburar bestreiten. Sie holte das X wieder heraus und trat als Xandra an. Fünf Titel stellte sie vor. Zwei davon stammten aus der Feder von Rob und Ferdi Bolland, die später Riesenerfolge mit Falco feierten. Mit Ferdi war Sandra auch verheiratet.

Das Lied „Colorado“ geschrieben vom besagten Bruder-Duo zusammen mit Gerard Cox gewann 203 Stimmen der aus Berufsgruppen bestehenden Juries. In Jerusalem kam man jedoch nicht über einen zwölften Platz und 51 Punkten hinweg. Vielleicht lag es an den kühnen langen falschen Pferdeschwanz, den Sandra dort trug. In Skandinavien konnte sie jedoch Erfolge verbuchen.

Xandra – Colorado

Im Gedächtnis der Niederländer blieb ein anderes Lied aus der Vorrunde. „Intercity“ geschrieben von Marcel Lahaye und Tineke Beijshuizen gehört zu den beliebtesten Vorentscheidungssongs aller Zeiten, die nicht gewonnen haben.

Xandra – Intercity

Wiederum blieben erfolgreiche Nachfolgesingles aus, so dass sich Sandra Reemer in den Achtzigern auf die Moderationsschiene verlegte. Der Produzent Joop van den Ende nahm sie als Präsentatorin der Sendung „Sterrenslag“.

Doch den Durchbruch erlebte Sandra als Assistentin von Jos Brink in der Sendung „Wedden dat!“. Ähnlich wie in Deutschland war dieses Konzept ein Quotengarant. Von 1986 bis 1988 standen die beiden gemeinsam auf der Bühne und begrüßten sogar einen norwegischen Eurovisionsfan als Kandidaten. Sandra Reemer und der 2007 verstorbene Jos Brink waren ein tolles Team und Sandra wurde von Jos liebevoll als Kroepoekje (kleiner indonesischer Krabbenchip) angesprochen wurde.

Wedden dat! 1988 mit Jos Brink und Sandra Reemer

Weitere Moderationsaufgaben folgten, aber auch das Singen nahm noch stets eine wichtige Rolle für Sandra ein. Sie brachte verschiedene Longplayer heraus, wobei der Erfolg bescheiden blieb.

Ab 2000 formten Marga Bult und Sjoukje Smit alias Maggie MacNeal zusammen mit Sandra Reemer das Trio Dutch Divas. Der Erfolg konnte sich sehen lassen. Sogar einen Top 100 Hit kreierten sie mit „From New York to L.A.“. Aber 2005 kam es dann zum Bruch und Sandra verließ die Gruppe. Was folgte war Eiszeit zwischen den drei Damen. In den Zeitschriften gab es immer wieder Berichte über Versöhnungsversuche, die aber nicht beim Kaffeetrinken endeten sondern vor einer zugeknallten Haustür.

Sandra Reemer blieb in den Medien präsent und nutzte ihre Popularität, um benachteiligten Kinder in Entwicklungsländern zu helfen. Sie gründete 2008 die Sandra Reemer Foundation, um den Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Dafür organisierte sie 2010 sogar eine Ausstellung mit alten Eurovisionskostümen niederländischer Teilnehmer. Bis 2013 konnte sie mehr als 500 Kinder unter anderem in Indonesien helfen.

Die Verbundenheit zu ihrer alten Heimat blieb stets bestehen. 2016 durfte sie im Beisein des niederländischen Königspaares Worte der Erinnerung zum Totengedenkfeiertag am 4. Mai formulieren.

Dem Eurovision Song Contest zeigte sie auch stets ihre Sympathie. 1983 sang sie nochmals im Chor für Bernadettes „Sing me a song“. 2014 war sie Co-Moderatorin bei „Eurovision in Concert“ und besuchte in den folgenden Jahren die Fantreffen in München und Berlin.

Anfang 2017 wurde bei Sandra Reemer Brustkrebs diagnostiziert. Sie hatte schon länger Knoten in ihrer Brust ausgemacht, aber immer gehofft, dass das wieder vorbeigeht. Ihr Arzt drängte sie sich untersuchen zulassen, doch sie entschuldigte dies mit Terminen. Die Diagnose traf sie dann wie ein Donnerschlag. Tapfer ertrug sie die Behandlung und war sehr hoffnungsvoll. Jedoch den Kampf gegen die schwere Krankheit verlor sie nun.

Unser Mitgefühl gilt der Familie und den Freunden. Die niederländische Showszene verliert einen beliebten Star. In Fankreisen genoss Sandra Reemer durch ihre sehr herzliche Art große Sympathien. Hier nochmals das Interview im Rahmen des Eurovision Weekend 2016. In Erinnerung bleiben die schönen Momente einer vielseitigen und charmanten Künstlerin.

Xandra – Waar ben je heen