Was macht eigentlich…? (10): Lordi

Lordi 2014

So abstrus oder unappetitlich auch viele ESC-Anhänger die Sieger von 2006, Lordi, auch finden mögen – letztlich war die Teilnahme der skurrilen Band aus Finnland ein Glücksfall für den Contest. Sie eröffnete dem Wettbewerb neue Zuschauerschichten, entfachte eine ungeahnte Contest-Begeisterung im hohen Norden und verschob die Grenzen der musikalischen Vielfalt beim ESC beträchtlich. Doch was machen die fünf Monsterrocker von damals heute – zehren sie noch vom Erfolg in Athen oder kehren sie dieses Kapitel ihrer Geschichte lieber unter den Teppich? Wir haben mal ein wenig recherchiert.

Der Sieg der Band mit den gruselig-albernen Kostümen war für ihre Heimat Finnland eine Riesensache. Nicht nur hatte man 45 Jahre auf einen Sieg beim Song Contest warten müssen – man war tatsächlich auf Platz eins eines internationalen Wettbewerbs gelandet! Und hier ging es ja nicht um Luftgitarren, Handyweitwurf oder das Frauentragen – alles Funsportarten, die man mit Finnland verbindet, deren Relevanz aber international gesehen eher überschaubar ist. Nein, hier hatte man einen vielbeachteten Wettbewerb mit rund 110 Millionen Fernsehzuschauern gewonnen. Die Emotionen schlugen hoch, ähnlich wie beim legendären Eishockey-WM-Sieg gegen die Schweden 1995. Ansonsten fällt den Finnen hierzu auf Nachfrage dann nur noch der Sieg der finnischen Miss World 1957 ein.

So wurde 2006 dann Lordi-Limonade („Lordi Cola“) produziert, ein Lordi-Restaurant eröffnet und zuhause in Rovaniemi eine Lordi-Statue enthüllt. Ein Platz in der Stadt bekam den Namen „Lordin aukio„. Der Empfang der Gruppe auf dem Kauppatori-Platz in Helsinki geriet mit über 80.000 Teilnehmern zur größten Massenveranstaltung des Landes. Die eigene Wahrnehmung der Finnen als Teil Europas änderte sich, man war jetzt plötzlich jemand.

Lordi – Hard Rock Hallelujah (Live at the Market Square)

„Vor Lordi mochten die Finnen die Eurovision nicht und es wurden ständig Witze darüber gerissen… Finland zero points. Lordi änderte etwas“ meint DJ Werneri vom OGAE Finland. „Nach dem Sieg wurden viele Leute zu ESC-Fans und behaupteten, immer Fans gewesen zu sein.“

Die Mitgliedszahlen im OGAE-Fanclub stiegen rasant an und der finnische Ableger wurde zu einem der fünf größten im OGAE-Verbund. Tiina Rinkinen, selbst Mitglied im OGAE Finland seit 2006, meint dazu: „Ich war schon immer ESC-Fan, aber Lordis Sieg war ein Wendepunkt für mich und ich wurde ein aktiver Fan. Ich trat in den Fanclub ein und schloss erste Freundschaften. Das war das Beste, was mir je passiert war. Lordi hat also in gewisser Weise mein Leben verändert.“

Politiker meldeten sich zu Wort und beglückwünschten die Band um Frontmann Mr Lordi. Der Präsident des Landes lud die siegreiche Gruppe zum Präsidenten-Empfang am Unabhängigkeitstag (dem 06. Dezember) ein – dem gesellschaftlichen Ereignis des Jahres in Suomi. Diese folgten der Einladung dann letztendlich aber doch nicht, weil sie nie ohne Maske öffentlich auftreten. Warum waren sie dann nicht einfach im Monsteroutfit hingegangen? Schließlich hatten sie ja als Lordi dem Land Ehre erwiesen, und nicht als unmaskierte Privatleute.

Tatsächlich hatte man einen Kompromiss für das würdevolle Event vereinbart: Die Band sollte in Maske und Kostüm-Stiefeln kommen, diese aber dazwischen mit angemessener Abendgarderobe verbinden. Soweit, so gut. Doch offenbar jazzten die Boulevardmedien das ganze Masken-Thema dermaßen auf, dass die Offiziellen schließlich die Einladung wieder zurücknehmen mussten.

 

Eine ganz normale Hard Rock/Metal-Band?

Lordi hatten seit ihrer Gründung 1992 die ersten zehn Jahre ohne Plattenvertrag und ohne Live-Auftritte herumgedümpelt, hatten Songs geschrieben und waren im Studio gewesen, ohne je etwas zu veröffentlichen. Aus einem Solo-Projekt war 1996 ein Trio geworden, und erst im Jahr 2000 kam der erste Schlagzeuger dazu. 2002 schließlich klappte es endlich mit dem lang ersehnten Platten-Deal, die erste Single wurde gleich ein Nr. 1-Hit in Finnland, und mit dem Debütalbum im Gepäck ging’s im Dezember 2002 erstmalig auf die Bühne. Außerhalb Finnlands erlangte die Band vor allem in Deutschland eine gewisse Bekanntheit auf einschlägigen Rock/Metal-Festivals.

Bis zur Anfrage des finnischen Fernsehens, bei der Vorentscheidung 2006 teilzunehmen, hatten Lordi bereits drei Bassisten und eine Keyboarderin verschlissen, hinter den Kulissen hatte es mächtig gekracht. In neuem Line-Up nahm das Quintett beim Vorentscheid teil, das Publikum hievte den eingängigeren und damit massentauglicheren ihrer beiden Wettbewerbsbeiträge ins Finale, wo sie das Ticket für Athen gewannen. Dann kam der ESC, der Sieg, der Medienhype, das Entsetzen vieler Contest-Fans und die unbändige Freude der finnischen, aber auch vieler anderer ESC-Anhänger, die den frischen (und lärmigen) Windstoß im poppiger werdenden ESC bejubelten.

Lordi mit DJ OhrmeisterFast hätte ich bei Lordi angeheuert, habe mich dann aber doch für den PRINZ-Blog entschieden

Natürlich wurde der Song ein Riesenerfolg, war er doch laut genug, um den Hardrock-Fans zu gefallen, und melodisch genug, um auch auf ESC-Parties zu laufen. Top 10-Platzierungen in ganz Europa waren die Folge, das Album und die nachfolgende Tour schossen erfolgsmäßig durch die Decke. Mr Lordi tauchte im selben Jahr sogar bei den MTV Music Awards auf.

Es folgten die Alben Nummer vier („Deadache“) und fünf („Babez for Breakfast“) sowie eine Tournee nach der anderen. Man hatte sich nun fest als internationale Größe etabliert und tourte sogar in Japan und den USA. Tatsächlich erfuhr die Band einen Riesenschub durch die Medienpräsenz rund um den ESC, obwohl dieses Kapitel der Bandgeschichte ja nun offenkundig kaum etwas mit dem Wesen und der Idee hinter Lordi zu tun hat. Ein schräge Metal-Band beim Familienprogramm, das sich gerade mal so aus der Verschlafenheit der 90er emanzipiert, und seit einigen Jahren als respektables Musik-Event mit teilweise namhaften Teilnehmern etabliert hatte?

Bild: Antti Aimo
Bild: Antti Aimo

In der Tat ist wohl das skurrilste an Lordi nicht die Masken und Kostüme oder die blutrünstigen Songtitel („Bite it like a bulldog“), sondern der Karriere-Schlenker über den ESC. Während die Charaktere und damit auch die passenden Kostüme der Bandmitglieder allesamt inspiriert wurden durch diverse Horror Movies, schien für Gitarrist Amen (dem einzigen neben Mr Lordi verbliebenen Bandmitglied aus den 90ern) der ESC der wahre Horror zu sein. Seine spontane Reaktion auf die Anfrage von YLE nach einer Teilnahme ist wohl kaum druckreif, sie scheint extrem emotional und abweisend gewesen zu sein. Doch einen Tag später meinte er trocken: „Wenn es eine Band in Finnland gibt, die das schafft, dann sind wir es!“

Und geschadet hat es ihnen ja offensichtlich nicht, für ein paar Monate den Medienzirkus des Boulevards mitzumachen und sich mit einer griechischen Pop-Diva oder einer deutschen Country-Band zu messen. Die Plattenverkäufe schnellten in die Höhe, die Tourneen wurden länger und führten auf andere Kontinente. Mittlerweile nehmen Lordi ihre Alben in Nashville/Tennessee auf und kollaborieren mit ihren Idolen wie etwa Bruce Kulick, dem früheren Kiss-Gitarristen. Die Band hat 2012 ihr 20-jähriges Jubiläum gefeiert und arbeitet am siebten Album. Es läuft nach wie vor im Hause Lordi, auch wenn die breite Allgemeinheit neben Tour- und Album-Ankündigungen nicht mehr viel davon mitbekommt.

Lordi 2014Seit dem ESC an Drums und Keyboard umbesetzt: Lordi im Jahre 2014

Keine Anzeichen von Müdigkeit also, ganz im Gegenteil: Man erfindet sich von Zeit zu Zeit immer wieder neu, indem Bandmitglieder, die nach Abgängen neu hinzukommen, auch einen neuen, der Person dahinter passenden Horror-Charakter mit einbringen. Dann müssen neue Kostüme dafür entworfen werden und die Truppe ergibt wieder ein neues Bild. Auch seit dem ESC hat es weitere Umbesetzungen gegeben. Drummer Kita hat die Band verlassen, und auch Keyboarderin Awa (die (Un)tote mit der ungesunden Gesichtsfarbe) ist inzwischen ausgestiegen und wurde von Hella ersetzt.

 

Und was denkt Mr Lordi?

In einem Interview am Rande des Festivals Eisheilige Nacht 2013 in Bochum sagte Mr Lordi: „Für uns als Band ist der ESC keine so große Sache wie für viele Finnen. Weder damals noch heute“. Viel wichtiger sei es für ihn, dass durch den Erfolg viele ihrer eigenen Idole auf sie aufmerksam wurden. Den Erfolg beim ESC sieht er eher wie eine Art Zufallsprodukt, dem er (emotional) nicht viel Bedeutung beimisst, auch wenn viele Finnen dies anders sähen.

Jedenfalls habe der Erfolg beim ESC keinen Einfluss auf das Privatleben der Bandmitglieder gehabt. Aber natürlich sieht er auch die Vorteile, die das Ganze für die Band als solche gebracht hat. Die Publicity dieses einen Auftritts sei unbezahlbar gewesen, so Mr Lordi. Natürlich sei die Band dadurch auf einen Schlag europa- und auch weltweit bekannt geworden, wenngleich man sich zuhause in Nordeuropa auch viel Häme und Kritik habe anhören müssen, zumindest vor dem Contest.

Mit charmantem Akzent interviewte die Deutsche Kati Rausch Mr Lordi auf Finnisch beim Festival „Eisheilige Nacht“ 2013 in Bochum

Und was ist mit der Medienposse um die unmaskierten Lordi-Fotos? Logischerweise reagiert die Gruppe um Mr Lordi ziemlich genervt auf derartige Fragen. „Schau hier, das ist mein echtes Gesicht“ sagt Mr Lordi dann meist und fuchtelt mit seiner Pranke in der Luft herum. Gerade direkt vor und nach dem Contest waren einige Bilder veröffentlicht worden (allen voran von der BILD-Zeitung, aber auch in der britischen und skandinavischen Yellow Press), die angeblich die Band oder den Leadsänger zeigten.

Lordi ohne Maske Lordi ohne Maske Lordi ohne Maske

In einem Fall wurde bald klar, dass es sich um eine völlig andere Gruppe handelte. Andere waren echt und führte zu heftiger Kritik seitens der Band, aber auch der Öffentlichkeit, was die Magazine zu kleinlauten Entschuldigungen zwang. Das litauische Fernsehen zeigte 2006 bewegte Bilder von schwarzbekleideten Menschen am Flughafen in Athen. Offenbar hatten sie die richtigen im Visier, denn blitzschnell stellte sich jemand ins Bild und verdeckte die Kamera. Das ist der Preis, den die Fünf damals eben zahlen mussten, als sie sich freiwillig der multimedialen Schlacht rund um den Euro-Pop-Wettbewerb stellten. Der Boulevard kennt keine Gnade.

 

Lordi sei Dank

Der ESC scheint damals der soliden, aber eben noch nicht ganz weltumspannenden Laufbahn dieser Gruppe den entscheidenden Kick gegeben zu haben. Nicht verwunderlich, dass durch die lebendige und kreative Entwicklung dieses Projekts über die Jahre der große Erfolg in der einschlägigen Szene weiter anhält und auch 2014 wieder neue Songs auf den Markt kommen.

Deutschland ist weiterhin Lordi-Land: Neujahrsgrüße 2014 von einem Tourtermin in Potsdam

Dass die Truppe aber durch ihren kleinen Schlenker in die Welt des Glitzer-Pop auch einer ganz anderen Szene entscheidende Impulse gegeben hat, dürfte ihnen selbst wohl kaum bewusst sein. Die ESC-Community hat in den letzten Jahren durch zumeist ehrenamtliches Engagement zahlreicher OGAE-Mitglieder überall auf dem Kontinent eine ganze Menge an Aktivitäten und Angeboten mit ESC-Bezug aus dem Boden gestampft, die nicht im Monat Mai stattfinden. Und der OGAE Finland gehört sicherlich zu den umtriebigsten im Netzwerk des OGAE International.

Der Schub, den OGAE Finland durch den ESC im eigenen Land bekam, beflügelte die Macher zu originellen Events wie den Eurovision Cruises auf Ostseefähren, den ESC-Preview-Screenings in verschiedenen Städten des Landes und vor kurzem auch dem ESC-Kino-Karaoke in Helsinki. Und nicht zuletzt hat die große Popularität des ESC post-Lordi auch den Anschub zur Eurovision Fanclub Night gegeben, die seit über sieben Jahren regelmäßig stattfindet. Demnächst feiert der finnische Fanclub übrigens als ältester OGAE-Club überhaupt sein 30jähriges Bestehen mit einem großen Jubiläumsclubtreffen. Vieles davon wäre vermutlich nicht ins Rollen gekommen, wenn die Gruselmasken beim Vorentscheid 2006 gar nicht erst angetreten wären.

Zumindest wäre uns der unsägliche russische Sieger-Song von 2008 wohl erspart geblieben, wenn Dima Bilan bereits in Athen gewonnen hätte. Aber den haben wir ja auch verkraftet. Seien wir also dankbar und schicken einen Gruß nach Suomi. Kiitos, Lordi, kiitos paljon!

 

Vorschau: In der nächsten Folge schildert Tjabe, was die Trägerin des schönsten Hosenrocks der ESC-Geschichte nach dem Contest so alles erlebt hat.

 

Bereits in der Serie “Was macht eigentlich…?” erschienen:

(1) Rosenstolz (BennyBenny)
(2) Glennis Grace (Tjabe)
(3) Guildo Horn (Marc)
(4) Jill Johnson (Matthias)
(5) Didier Barbelivien (Armen)
(6) Andreas Lundstedt (Douze Points)
(7) Ray Caruana (WM)
(8) Kalomira (DJ Ohrmeister)
(9) Michelle (Jan)