Was macht eigentlich…? (12): Sébastien Tellier

Sébastien Tellier

Nach dem Flop beim Eurovision Song Contest 2007 mit dem humorigen „L’amour à la française“, das aus einer Vorentscheidung kam, wagte France 3 ein Jahr später etwas und wählte intern einen schrägen Typen mit Zauselbart, der in der Elektropop-Szene längst etabliert war. Bei France 3 hoffte man wohl auf einen Erfolg nach der Rechnung „modern + skurril“. Das klappte nicht. Doch hat es Sébastien Tellier geschadet? Ein Blick auf die weitere Karriere, inklusive Kurzrezension seines aktuellen Albums.

Mehr oder weniger Freundliches findet man im Netz über Sébastien Tellier, wenn man ihn googelt. „Indie-Chansonnier“ ist noch eine der netteren Beschreibungen. Wobei auch „Enfant terrible des französischen Elektro-Pops“ noch respekt- und liebevoll gemeint ist. „Exzentrisch“ sei Tellier, „schillernd“, „ein verschrobenes Genie“. Einer schrieb, Tellier sehe aus „wie ein etwas durchgefeierter Jesus Christus, dem ein Spaßvogel ein Zickzacksakko angezogen hat“.

Exzentrisch war in jedem Fall sein Auftritt beim Eurovision Song Contest 2008. Allein schon die Tatsache, dass es Tellier gewagt hatte, nach Jahrzehnten der Frankophonie für die Grande Nation auf Englisch singen zu wollen, sorgte im Vorfeld für Aufruhr in Frankreich. Das französische Fernsehen France 3, das ohne Vorentscheidung sich für Tellier entschieden hatte, hielt gegen allen Protest an ihm fest. Tellier soll zu dem Streit über den englischen Text und seine Teilnahme am Contest lapidar gesagt haben: „Wegen mir wird das Baguette morgen auch nicht schlechter.“

Und so fuhr an jenem 24. Mai 2008 mit Startnummer 19 ein merkwürdiger Zausel mit schwarzer Sonnenbrille in einem Golf-Caddy auf die Bühne in Belgrad, stelzte mit einem aufgeblasenen Plastikball über die Bühne und sang fast schon hauchend eine Elektropopnummer, die nicht ohne Grund an Daft Punk oder Air erinnerte: Tellier zählt zum Umfeld der beiden erfolgreichen Frankreich-Acts. Nicht weniger schräg waren die fünf Chorsänger, die sich Vollbärte à la Tellier angeklebt hatten und ebenfalls zottiges Haar und Sonnenbrillen trugen. Zwischendurch holte sich Monsieur etwas Helium aus dem Ball, um die Stimme noch etwas höher zu kriegen, und fiel theatralisch auf die Knie.

Sébastien Tellier – Divine

Ein denkwürdiger Auftritt, der aber nicht so „over the top“ war, dass die Massen angerufen hätten wie etwa ein Jahr zuvor bei Verka Serduchka. Zumal „Divine“ eher dahin plätscherte und kaum in den Gehörgängen hängen blieb. Die Originalität wurde nicht belohnt: Am Ende landete Frankreich wieder nur auf Platz 18. Immerhin gab es zweimal acht Punkte, aus Litauen und Island. Insgesamt konnten sich nur zwölf Länder dafür erwärmen, Tellier Punkte zu geben. Deutschland war nicht darunter.

Vier Punkte gab es aus Schweden. Dort zählte „Divine“ zumindest bei iTunes zu den Hits. Schon im März, als der Titel rauskam, landete das Lied schnell auf Platz 2 der schwedischen iTunes-Charts. Direkt nach dem ESC stürmte „Divine“ dort sogar die Spitze. Einen kleinen Charterfolg hatte Tellier mit dem Song außerdem in Dänemark und Belgien. Das Album „Sexuality“, aus dem das Lied stammte, verkaufte sich vor allem in Frankreich ganz okay, war aber weit davon entfernt, ein Bestseller zu werden.

Sébastien Tellier

Wie ging es weiter und wo steht Sébastien Tellier heute?

Unterm Strich muss man sagen: Die Teilnahme an der Eurovision und der Flop in Belgrad haben Tellier weder geschadet noch geholfen. Mit dem Wettbewerb fremdelte er ohnehin, und seine Fans auch. Tellier (1975 im Pariser Speckgürtel geboren) macht schließlich schon seit 2000 Musik, „Sexuality“ war sein viertes Album, in der Elektro-Underground-Szene hatte er bereits vor dem ESC seinen Platz längst gefunden. Tellier brauchte den ESC nicht – und der ESC offenbar ihn auch nicht. Ich habe jedenfalls bis heute kaum ESC-Fans getroffen, die „Divine“ zu ihren Lieblingen zählen würden. Auf Eurovision-Partys läuft das Lied auch nie.

Tellier hatte sich dennoch längst einen Namen gemacht, nicht global, aber zumindest bei denen, die Elektro-Synthipop mögen. Vor allem den etwas verschrobenen von Sébastien Tellier, wo sich Falsettgesang mit Samples, kitschigem Chorgesang und Elektrobeat mischt. „Den Hörer beschleicht das Gefühl, entweder dem Werk eines komplett verrückten oder dem eines genialen Querkopfs zu lauschen“, schrieb ein Kritiker über Telliers zweites Album „Politics“ und verglich den Franzosen mit Frank Zappa. Zu den Fans zählt unter anderem Regisseurin Sofia Coppola, die ein Tellier-Stück in ihrem bekannten Spielfilm „Lost in Translation“ verwendete.

Sébastien Tellier – Fantino

In seinem normalen Leben solle er ein Mann sein, habe ihm sein Therapeut geraten, erzählte Tellier mal in einem Interview. In seiner Kunst könne er aber Kind bleiben. Der verspielte Elektropop kommt derzeit im Jahresrhythmus: Vier Jahre nach „Sexuality“ erschien im Jahr 2012 das Album „My God Is Blue“ und seither bringt Tellier jedes Jahr eine Scheibe auf den Markt. Im Sommer 2014 erschien die CD „L’Aventura“, mit der Tellier eine musikalische Reise nach Brasilien unternimmt – wohl nicht ganz ohne Berechnung passend zur Fußball-WM.

Schräg ist auch „L’Aventura“ wieder. Das beginnt schon mit dem unglaublich kitschigen Cover, auf dem ein nackter Sébastian Tellier auf einer riesigen Taube vor einem Sonnenuntergang über eine Urwaldlandschaft fliegt.

Tellier-L'Aventura-cover

Damit nicht genug. Auch das Konzept, das hinter „L’Aventura“ steckt, ist wieder irre: Weil die eigene gutbürgerliche Kindheit so langweilig gewesen sei, so Tellier, male er sich eben eine erfundene Kindheit in Brasilien aus. Er vermischt auf coole Weise den Bossanova- und Calypso-Sound mit elektronischen und mit Flöten-Klängen, die manchmal so klebrig klingen wie aus einem Softporno der 70er Jahre – diese Assoziation kommt mir schon beim ersten Track „Love“ in den Sinn (Lieder kann man die zehn Beiträge auf dem Album kaum nennen). Zugleich fällt es nicht schwer, sich etwa bei „Ricky l’adolescent“ eine Bootsfahrt auf dem Amazonas durch den Regenwald vorzustellen – der Track versucht sich dem Sound des Dschungels anzunähern.

Sébastien Tellier – Love

Im Grunde liefert „L’Aventura“ die Musik für einen entspannten Caipirinha in einer Lounge. „Eine Platte sollte ein Abenteuer im Kopf sein“, sagt Tellier in Anspielung auf den CD-Titel. Das Abenteuer dauert hier 53 Minuten. Alles klingt schwebend-leicht, sphärisch, watteweich, wie ein musikalisches Mousse.

Und genau das ist ein wenig das Problem mit „L’Aventura“: Wie bei einem Mousse sollte man nicht zu viel zu sich nehmen, sonst wird einem schlecht. Ich habe in „L’Aventura“ gern immer wieder reingehört. Doch am Stück sind die 53 Minuten schwer zu ertragen. Was vielleicht auch an Telliers hauchender Stimme liegt, bei der man die ganze Zeit das Gefühl hat, von einem etwas schleimigen Typen im Cordanzug bezirzt zu werden.

Sébastien Tellier

Rückkehr zum Eurovision Song Contest?

Kaum vorstellbar. Das lässt sich wohl ausschließen. Wer ihn trotzdem mal wieder sehen will, muss sich am morgigen Montag nach Berlin aufmachen: Dort tritt Sébastien Tellier ab 21 Uhr im SchwuZ auf.

Wer Sébastien selbst fragen will, ob er nochmal zum ESC möchte, kann ihn ja auf Twitter kontaktieren, da ist er aktiv. Ansonsten lässt sich die weitere Karriere auch auf Facebook verfolgen.

Die nächste Folge führt uns auf eine Insel, wo Jan das Auf und Ab einer Liebe beschreibt.

Bereits in der Serie “Was macht eigentlich…?” erschienen:

(1) Rosenstolz (BennyBenny)
(2) Glennis Grace (Tjabe)
(3) Guildo Horn (Marc)
(4) Jill Johnson (Matthias)
(5) Didier Barbelivien (Armen)
(6) Andreas Lundstedt (Douze Points)
(7) Ray Caruana (WM)
(8) Kalomira (DJ Ohrmeister)
(9) Michelle (Jan)
(10) Lordi (DJ Ohrmeister)
(11) Ingeborg (Tjabe)