Was macht eigentlich…? (8): Kalomira

Kalomira mit Fans aus Fernost

Ein Pop-Sternchen mit unverkennbar amerikanischen Einflüssen ging 2008 für ihr europäisches Heimatland beim ESC in Belgrad an den Start und spaltete bereits bei den Proben die Fangemeinde. „Von ‚glänzend‘ bis ’nervtötend‘ ist alles dabei“ konnten wir damals im ersten Jahr des PRINZ-ESC-Blogs bezogen auf die Kommentare zu den Proben von Kalomira aus Griechenland vermelden. Doch die Minnie Mouse des griechischen Pop machte ihre Sache perfekt und ging als Wettfavoritin ins Semifinale, gewann dieses und landete am Ende auf Platz 3. Und was ist aus ihr geworden? Konnte sie aus ihrem Erfolg bei den europäischen Festspielen zeitgenössischer Unterhaltungsmusik Kapital schlagen?

Kalomira hatte zum damaligen Zeitpunkt bereits eine bemerkenswerte Vita in den Weiten der seichten U-Musik im Heimatland ihrer Eltern vorzuweisen, als sie Ende 2007 als Kandidatin für den griechischen ESC-Vorentscheid aufgestellt wurde. 1985 in New York geboren, hatte Marie Kalomira Carol Saranti (wie sie mit vollständigem Namen heißt) bis 2004 in den USA gelebt, sich bereits im Kindesalter immer wieder in Schulaufführungen und kleineren Wettbewerben musikalisch und tänzerisch hervorgetan und sogar den Titel der Miss West Hempstead an ihrer High School ergattert. Ein durch und durch amerikanischer Karrierestart also für die kleine Carol, deren Eltern als griechische Einwanderer in New York natürlich – wie sollte es auch anders sein – ein Restaurant führten.

2004 bewarb sie sich an den Auditions zur griechischen Casting-Show Fame Story 2, die damals sogar unter anderem in New York stattfanden. Sie wurde genommen, ging nach Griechenland – und gewann die ganze Show. Und das, obwohl sie zu der Zeit die Muttersprache ihrer Vorfahren eher schlecht als recht beherrschte. Neun der 15 Songs, die sie im Laufe der Staffel präsentierte, waren auch noch auf Griechisch. Das Publikum war hingerissen, das kleine Cheerleader-Fräulein prompt der neue Star der kunterbunten Casting-Welt in Hellas. Kalomira entschied sich, nach Griechenland zu ziehen und den neuen Erfolg voll auszukosten.

Kalomiras allererster Auftritt bei Fame Story und damit auch im griechischen Prime Time TV

Im Spätsommer noch folgte ihr erstes Album (Kalomira), ein Jahr drauf der Nachfolger (Pésis? zu deutsch: Bist Du dabei?), die beide zu großen Erfolgen in Griechenland und auf Zypern wurden. Sie gastierte alsbald mit großen Namen des griechischen Pop Biz auf Bühnen in Athen und Thessaloniki, bekam eine Gastrolle in einer Daily Soap, moderierte ein Morgenmagazin und heimste Promi-Awards in Illustrierten ein. Ein Türchen nach dem anderen öffnete sich von selbst, und Miss Saranti wurde zum TV-Darling im Privat-TV. Und während sich die griechischen Medien über das Girlie aus dem fernen Amerika mit dem ulkigen Akzent freuten, gab sie gleichzeitig US-Medien wie NBC, Fox und der New York Times Interviews, die die Karriere der ehemaligen Miss West Hempstead im fernen Hellas aufarbeiteten.

Es folgten eine sonntägliche Game-Show (Pio poly tin Kyriaki) mit vielen lustigen Schalten in alle Welt, weitere Tourneen und eine CD mit griechischen Film-Klassikern namens I Kalomira pái Sinemá (Kalomira geht ins Kino). Irgendwie fragt man sich schon, was hatte dieses Gör, das zu jenem Zeitpunkt immer noch etwas holprig Griechisch sprach, nicht alles schon gemacht in der kurzen Zeit? Was fehlte, war eine ESC-Teilnahme.

In der Show „Pio poly tin Kyriaki“ trat Kalomira als Co-Moderatorin mit eher dünnen (und dümmlichen) Redebeiträgen in Erscheinung

In der Sendung wurde häufig ins Ausland geschaltet, wie z.B. kurz vor Weihnachten zur griechischen Schule ins bayrische Dachau

 

Der ESC-Auftritt und seine Auswirkungen

Und so wurde sie Ende 2007 als eine von drei Kandidaten für die VE im Februar angekündigt und gewann diese mit einem Ethnopop-Song mit leichter R’n’B-Note, „Secret combination“. Der Rest ist Geschichte – eine Erfolgsgeschichte, die selbst Oprah Winfrey zu Lobeshymnen nach dem Belgrader ESC bewog. Das vierte CD-Album, erwartungsgemäß betitelt „Secret combination – The Album“, wurde kurz nach dem Contest veröffentlicht und bleibt bis heute ihr bisher letztes.

Offizielles Promo-Video zu „Secret combination“ (Griechenland 2008)

 

Was passierte danach?

Es kam zu einem harten Cut nach dem ESC, und Kalomira kehrte Griechenland den Rücken zu. Unbestätigte Querelen mit der Plattenfirma Heaven Music hinter den Kulissen sowie die Planung ihres Privatlebens brachten sie schnell zu dem Entschluss, wieder in die USA zurückzukehren, just zu einer Zeit, in der sie in Griechenland von einem Medienjob in den nächsten rutschte und mit einem Mal einen Fuß in der Tür zu Europas Pop Business hatte. Würde sie sich nun komplett aus allem zurückziehen?

Kalomira beim ESC 2008Kalomira beim ESC 2008

Griechenland 2008 DJ OhrmeisterDie Probenpausen in Belgrad nutzte Kalomira, um sich nach griechischstämmigen Hochzeitskandidaten umzusehen…

Doch von wegen Rückzug, weit gefehlt, die Britney Spears Griechenlands hat seit dem ESC einen nicht minder bunten Flickenteppich an medialen Jobs (meist kürzerer Dauer) zusammengeknüpft, die hierzulande allerdings wohl kaum jemand wahrgenommen hat.

Kalomira feat. Fatman Scoop – Please don’t break my heart

Ein weiterer Privatsender in der hellenischen Heimat (nach ANT1 für Fame Story und Mega mit der Spielshow Pio poly tin Kyriaki) verpflichtete sie 2009 für die Moderation einer kuriosen Show-Idee: der griechischen Version von „I Survived a Japanese Game Show“ – die beim Sender Alpha den Titel „Big in Japan“ trug. Darin wurden 15 Kandidaten aus Griechenland nach Japan verfrachtet und mussten in einer mehrteiligen Show gegeneinander antreten. (In der schwedischen Variante dieses Sendekonzepts hatten übrigens namhafte Mello-Größen wie Regina Lund, Sandra Dahlberg oder auch Anna Book das Vergnügen, sich in japanischen Spielchen zu messen).

Kalomira bei Big in JapanKalomira durfte das Finale der Show auch für eigene Promotion-Zwecke nutzen und präsentierte einen Titel ihres letztes Albums. Sie bekam, man glaubt es kaum, für ihre Moderation tatsächlich auch noch zwei Medienpreise auf internationalen Festivals. Eigentlich sollte sie in der Folge die nächste Staffel von Greek Idol moderieren, doch dazu kam es nie. Stattdessen wurden ihr Werbeverträge angeboten (wie schon auch zuvor) und plötzlich war sie u.a. das Gesicht der Fast-Food-Kette „Dominos Pizza“. Wahrlich wunderliche Wendungen im Leben der ehemaligen Miss West Hempstead…

Die Zusammenarbeit mit der Plattenfirma wurde reaktiviert (offenbar hatte man die vermeintlichen Streitereien mittlerweile beigelegt) und verschiedene Download-Singles wurden in den Jahren 2010-2012 produziert, darunter der Sommerhit „This is the time“. Sie tourte immer wieder mal entweder in Griechenland und Zypern, oder zuhause in den USA, vornehmlich in den Städten mit großer griechischer Gemeinde. Ihre Auftritte führten sie bis nach Kalifornien und nach Kanada. Selbst den griechischen Ableger der Tanz-Show „Dancing with the Stars“ (in Deutschland „Let’s dance“) ließ Miss Saranti nicht aus. Sie moderierte einen Schönheitswettbewerb Griechischstämmiger in Kanada, und arbeitete tatsächlich auch mal mit Britney Spears zusammen.

Kalomira – This is the time

Doch ihre Aufenthalte in den USA wurden immer länger, das Privatleben nahm immer mehr Raum ein. Bereits 2009 hatte sie sich mit Jiórgos Boúsalis verlobt, man heiratete 2010 big fat Greek nach orthodoxem Ritus in den USA und im Dezember 2012 folgte die Geburt von Zwillingen, die im Mai diesen Jahres dort orthodox getauft wurden. Die nächste Generation des Sarantis-Clans ist also bereits da – mal sehen, ob die Jungs stolz sein werden auf die ganzen Errungenschaften ihrer umtriebigen Mama, nicht zuletzt auf ihren Treppchenplatz beim ESC in Serbien.

Kalomira mit Kind und Kegel auf Mykonos 2014Kalomira urlaubt 2014 nebst Ehemann, Zwillingen und Mutter Saranti auf Mykonos

Denn Mama Carol/Kalomira wird nicht müde und kündigt ständig neue Projekte an. Im People Magazine sprach sie im Sommer 2013 von einer Rückkehr zur Musik (ihr gefühlt 17tes Mini-Comeback nach den ganzen Ausflügen ins TV-Geschäft oder den temporären Rückzügen ins Private) und reiste im Frühjahr 2014 tatsächlich wieder nach Athen, um neue Projekte anzustoßen. Bei der Gelegenheit trat sie dann ja auch beim Vorentscheid auf mit einer gepimpten Version ihres ESC-Beitrags von 2008.

Bei einem Abstecher ins Frühstücksfernsehen versuchte sich Kalomira 2014 nach 2 1/2 Jahren Abwesenheit von der Heimat an traditionellem Liedgut… mit amerikanischem Akzent. Süß!

Kurz vor der WM sang sie in Philadelphia vor dem Freundschaftsspiel Griechenland-Nigeria die hellenische Nationalhymne – ohne sich dabei zu versingen wie weiland Sarah Connor. Weitere Konzerte in den USA folgten den ganzen Sommer über.

Kalomira gab alles, machte aber nicht ganz so eine gute (stimmliche) Figur wie Helene bei den germanischen Kickern

 

Rolle des ESC in der Karriere von Kalomira

Der Auftritt in Belgrad gehört zweifelsohne zu den großen Momenten in der sprunghaften Karriere von Kalomira. Ein größeres Publikum ist ihr natürlich weder vorher noch hinterher jemals wieder beschieden gewesen, und auch die Strahlkraft ihrer späteren Projekte dürfte weltweit gesehen eher bescheidener Natur sein. Dennoch scheint sich die rastlose US-Griechin mittlerweile ein Gleichgewicht von glücklichem Privatleben und Mitmischen im oberflächlichen Medienzirkus zurechtgezimmert zu haben.

Und sie hat sich (kurioserweise jenseits von Europas Grenzen) immerhin einen kleinen Namen gemacht. Die schon mehrfach erwähnte Britney Spears nannte unter anderem Kalomira, als sie von einem griechischen Entertainment-Blog in einem Interview gefragt wurde, ob sie griechische Künstler kenne, und das zwei Jahre bevor die beiden in einem Videoclip zusammengearbeitet haben. Bezeichnenderweise hört der Blog auf den hübschen Namen tralala.gr – das passt wie die Faust aufs Auge, wenn man sich die Vita von Kalomira so im Überblick ansieht.

Ihre Karriere bewegt sich weitgehend im oberflächlichen Geplänkel zwischen massentauglicher Popmusik und kurzlebigen TV-Formaten – wenn sie auch zugegeben gut genetzwerkt (oder Glück gehabt) haben muss, um bereits in jungen Jahren mit der Crème de la Crème der griechischen Musikszene zu arbeiten. Ihre Kontakte in den USA haben bereits mit Beyoncé kollaboriert, und auch Namen wie Jessica Simpson oder LL Cool J tauchen im Dunstkreis ihres Schaffens auf. Und ihre post-ESC Songs klingen meist wie andere Chartsprodukte, also durchaus auf der Höhe der Zeit.

Hingegen hat ihr der Contest selber wohl nur in Fankreisen ewigen Ruhm als die piepsige Minnie Mouse des ESC eingebracht, darüber hinaus hat Europa sie aber trotz des dritten Platzes vermutlich eher vergessen. Zuhause in Griechenland (und Zypern) ist sie weiterhin bekannt, aber auch hier haben ihr nachfolgende Popstars ähnlicher Anlage längst den Rang abgelaufen – mit ESC-Bezug fällt mir da direkt Ivi Adamou ein, die seit Jahren regelmäßig in den Charts auftaucht und dies vor allem mit Kooperationen mit hippen Bands. Und mit deutlich weniger Ablenkung durch familiäre Verpflichtungen am anderen Ende der Welt.

Elena Paparizou erinnert sich an die Anfänge von Kalomiras Karriere in Griechenland: „In den USA singen sie ja mehr durch die Nase….“

 

Rückkehr zum ESC?

Kalomira wird sich in nächster Zukunft wohl kaum auf ein mehrmonatiges Abenteuer jenseits des großen Teichs (aus New Yorker Sicht) einlassen. Erst einmal müssen Dimitris und Nikos wohl aufgezogen und verhätschelt werden, dann in die Schule kommen, und dann sehen wir weiter. Ich wäre allerdings nicht überrascht, wenn die ex-Miss West Hempstead etwas gereift und mit neuer Power in einigen Jahren wieder auf dem roten Teppich steht und die griechischen Farben verteidigt, wenn die Jungs aus dem Gröbsten raus sind. Frau Paparizou hat den Pott schließlich auch erst beim zweiten Mal geholt.

Doch bis dahin werden wir sie wohl weiterhin on and off im griechischen Privatfernsehen vergnügt quietschen hören oder die Greek Communities von San Francisco bis Montreal rocken sehen. Eine solide Karriere auf breiter Basis sehe ich erst einmal nicht. Mehr als dieser Flickenteppich, der sie irgendwie über Wasser hält, ist wohl kaum drin momentan: a secret combination eben, and it’s a mystery to you!

 

Kalomira auf dem Cover von Nitro Magazine Kalomira auf dem Cover von Ego Weekly Kalomira auf dem Cover von 7 Meres TV

 

Vorschau: In der nächsten Folge schildert Jan, wie der ESC für eine deutsche Schlagerkönigin zum großen Erfolg wurde.

 

Bereits in der Serie “Was macht eigentlich…?” erschienen:

(1) Rosenstolz (BennyBenny)
(2) Glennis Grace (Tjabe)
(3) Guildo Horn (Marc)
(4) Jill Johnson (Matthias)
(5) Didier Barbelivien (Armen)
(6) Andreas Lundstedt (Douze Points)
(7) Ray Caruana (WM)