Was macht eigentlich…? (9): Michelle

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Kopenhagen, 12. Mai 2001, ungefähr gegen halb 11: Die 29-jährige Michelle empfängt winkend Zigtausende im Parken-Stadion und Zigmillionen Fernsehzuschauer zu den ersten Klängen von „Wer Liebe lebt“. Was dann folgt, werden viele ihrer deutschen Sangeskollegen später als den besten Live-Auftritt bezeichnen, den sie jemals hatte. Der verdiente Lohn für sie war der achte Platz, die dritte TOP 10-Platzierung Deutschlands in Folge. Was nach Kopenhagen folgte, war jedoch ein einziges Auf und Ab, das seinesgleichen sucht.

Bereits vier Jahre zuvor hatte die junge Sängerin versucht, für Deutschland beim ESC in Dublin zu singen. Aber damals war sie irgendwie noch nicht reif für den ESC, sie war zu diesem Zeitpunkt erst eine „Diva to be“, also noch nicht ganz fertig in ihrer Persönlichkeit. „Im Auge des Orkans“ war zudem ein Song von der Stange aus der Feder von Jean Frankfurter und klang wie alle anderen Michelle-Songs zu dieser Zeit. Vier Jahre und mindestens eine Brustvergrößerung später sollte alles viel besser passen. Michelle bekam den Festivalsong „Wer Liebe lebt“ auf den Leib geschrieben und verkörperte diesen Titel in Kopenhagen geradezu perfekt und glaubhaft.

Zu dieser Zeit befand sich ihre Karriere auf dem Höhepunkt. Sie war der erfolgreichste deutsche Schlagerstar, wurde mit zwei Echos ausgezeichnet und verkaufte ihre Alben wie geschnitten Brot. Das war vor 15 Jahren noch keine Selbstverständlichkeit in Deutschland. Andrea Bergs Karriere dümpelte noch vor sich hin und von einer Helene Fischer war sowieso weit und breit noch nichts zu sehen. Dass Michelle den Vorentscheid 2001 gewinnen würde, war eigentlich so klar, wie nur irgendetwas sein konnte, auch wenn ein gewisses Damenterzett um Joy Fleming herum ein wenig am ersten Platz kratzen konnte. Michelle war einfach dran und die Teilnahme beim ESC war so etwas wie die Krönung ihrer Karriere oder zumindest etwas, das auf ihrer To-Do-Liste ganz weit oben stand.

Michelle 2

Um die Übersicht in dieser Geschichte nicht zu verlieren, müssen wir der Musik ganz kurz den Rücken zukehren und uns dem Privatleben von Michelle widmen, das in den Jahren nach dem ESC ganz wesentlich das Bild der Sängerin in der Öffentlichkeit prägte.

Gäbe es nicht bereits Unmengen an Boulevard-Zeitungen – für Menschen wie Michelle müssten sie eigentlich erfunden werden. Bis zum heutigen Tage ist die inzwischen 42-jährige eigentlich gar nicht mehr aus den Schlagzeilen wegzudenken. Ob mit ihren diversen Männergeschichten, ihren mindestens so vielen krankheitsbedingten Ausfällen oder ihren zahlreichen Comebacks: In der BILD-Zeitung Öffentlichkeit ist immer ein Platz für Triumphe und Dramen rund um Tanja, wie Michelle eigentlich wirklich heißt.

Den ersten Einschlag im wahrsten Sinne des Wortes gab es 2003. Damals erlitt Michelle einen leichten Schlaganfall. Weiter ging es mit diversen weiteren Schwächeanfällen, abgesagten Auftritten, Depressionen und sogar angeblichen Selbstmordversuchen mit sogar für Boulevardmedien ziemlich hoher Frequenz. Mitunter konnte man den Eindruck bekommen, dass hier jemand richtiggehend „pressegeil“ geworden war. Unter großem Mediengetöse eröffnete sie damals vorübergehend einen Hundefriseursalon. Und die Öffentlichkeit nahm regen Anteil an diesem Umstand – das muss man sich mal vorstellen!

Michelle 2001Apropos Hundefriseur…

Zwischen den einzelnen Attacken warf sich das offensichtliche Stehauffrauchen diversen Männern an den Hals. Natürlich verliefen sämtliche Beziehungen unglücklich und endeten nach wenigen Jahren. Ihre drei Töchter (17, 14 und 6 Jahre alt) mussten also schon ganz schön was durchmachen mit ihrer Mutter… Erneute Schlagzeilen um das „Vier-Frauen-Haus“ gab es 2013, als Michelle verkündete, dass sie zu ihrem neuen Freund in die Niederlande ziehen würde und lediglich die jüngste Tochter mitnehmen wolle. Die beiden großen Mädchen sollten anderweitig unterkommen. Die so verunglimpfte „Rabenmutter“ musste sich dann mit anklagenden offenen Briefen ihres Ex herumschlagen, der das Image der Sängerin in der Öffentlichkeit aber eigentlich ganz passend auf den Punkt bringt.

Michelle 1

Inzwischen, so bekennt Michelle, sei aber wirklich Ruhe in ihrem Privatleben eingekehrt. Mit dem holländischen Feuerwehrmann, der bei „Auslandsauftritten“ auch gerne mal den Manager mimt, habe sie nun wirklich die große Liebe in ihrem Leben gefunden. Wer’s glaubt…

Was wirklich erstaunlich ist, ist die Tatsache, dass Michelle in den vergangenen Jahren auch musikalisch nie ganz weg vom Fenster war. Alle sechs Alben, die seit Kopenhagen 2001 erschienen sind, haben sich ordentlich verkauft und größtenteils auch in den TOP 10 der Charts platziert. Selbst das einmalige Disco-Projekt mit ihrem zweiten Alter Ego Tanja Thomas war kein vollständiger Flop. Allerdings lief die Nummer auch nicht so berauschend, als dass man an eine Fortsetzung hätte denken können.

Tanja Thomas – Knock on wood

Nur kurz danach verkündete die wieder zurück in Michelle verwandelte Chanteuse ihren schockierten Fans den Abschied von der Showbühne. Das Kapitel Michelle wurde publikumswirksam zu den Akten gelegt – mit dem eigens für diesen Anlass geschriebenen Song „Goodbye Michelle„. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich dieses „Ereignis“ gemeinsam mit Freunden in einem Ferienhaus im Mecklenburgischen mit einer ordentlichen Portion Wehmut verfolgt habe.

Irgendwann im Wirrwarr dieser ganzen Geschehnisse hat sich Michelle dann zur Krönung auch noch für den Playboy ausgezogen und dafür sicher auch eine ordentliche Stange Kohle kassiert. Wen’s interessiert: HIER kann man das Heft kaufen – gebraucht…

Aber wie das immer so ist mit den Rücktritten – und wie es der längst verstorbene Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Herbert Wehner, einmal passend sagte: „Wer raus geht, muss auch wieder rein kommen!„. Und Michelle kam wieder rein! Gerade mal ein Jahr hat sie die Bühnenabstinenz ausgehalten. Böse Zungen behaupteten, Geldnöte trieben sie erneut in die Arme der Plattenfirmen, schließlich musste sie ja einige Jahre zuvor bereits einmal Privatinsolvenz anmelden.

Michelle Herbstfest Goodbye© dpa

Seit dem Rücktritt vom Rücktritt erschienen noch einmal zwei Studioalben, die sich auch ordentlich verkauften.  Aber den Rang als erste Schlagersängerin der Republik hatte ihr inzwischen eine andere Dame abgelaufen, die auch hier auf dem Blog gelegentlich ihr Unwesen treiben soll… An deren Verkaufszahlen kommt Michelle nun wirklich nicht ran und ist auch eigentlich niemals nah dran gewesen – da haben sich die Zeiten deutlich geändert.

Und während uns eine gewisse Frau Fischer durch glattpolierte und perfekte Auftritte und hochprofessionelle Vermarktung rund um die Uhr wie eine in Sterilium gebadete Schaufensterpuppe präsentiert wird, bleibt Michelle die etwas gewöhnliche Schlagerprinzessin, die von Fettnapf zu Fettnapf läuft und immer wieder versucht, ihr Leben endlich in den Griff zu bekommen. Aber mit dieser Art Billig-Glamour und dem im Prinzip unfreiwillig erarbeiteten Image hat sie immer noch ein echtes Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Musikszene.

Im Frühjahr 2014 veröffentlichte Michelle mal wieder ein Best-of-Album. Diesmal jedoch eines, das auch plattenfirmenübergreifend wirklich alle Hits beinhaltet. Dazu gemixt wurden sieben neue Songs, wie zum Beispiel dieser hier:

Herzstillstand (2014)

Flott ist es, aber glamourös ist da gar nichts mehr – Michelle verkörpert eher wieder das Schlagersternchen in Hot Pants mit brüchiger Vita. Dazu passt auch gut der sicher etwas dramatisch übertriebene Artikel zu einem Auftritt im Bierkönig auf Mallorca aus diesem Sommer.

Den ESC 2001 in Kopenhagen hat sie übrigens in bester Erinnerung, es sei ein fantastisches Gefühl gewesen, vor fast 40.000 Zuschauern in der Halle zu singen. Noch einmal machen wollte sie das allerdings nie, das sei alles viel zu stressig insgesamt! Nun, ich denke, sie wird es auch nicht mehr müssen…

Im kommenden Frühjahr wird es eine kleine Tournee durch Deutschland und Österreich mit folgenden Terminen geben, wenn Michelle nicht vorher die Brocken noch hinwirft:

17.02.: Landshut
19.02.: Wien
21.02.: Riesa
23.02.: Berlin
24.02.: Lübeck
25.02.: Hannover
26.02.: Leipzig
28.02.: Hagen
01.03.: Stade
03.03.: Aschaffenburg
04.03.: Halle
05.03.: Hamburg
20.04.: München
21.04.: Saarbrücken
22.04.: Köln

 

Vorschau: In der nächsten Folge schaut DJ Ohrmeister mal nach, wo sich eine gewisse Sieger-Band aus dem hohen Norden die letzten Jahre rumgetrieben hat und was ihr Sieg für ihr Heimatland und die ESC-Community bewegt hat.

 

Bereits in der Serie “Was macht eigentlich…?” erschienen:

(1) Rosenstolz (BennyBenny)
(2) Glennis Grace (Tjabe)
(3) Guildo Horn (Marc)
(4) Jill Johnson (Matthias)
(5) Didier Barbelivien (Armen)
(6) Andreas Lundstedt (Douze Points)
(7) Ray Caruana (WM)
(8) Kalomira (DJ Ohrmeister)