Was macht eigentlich…? (3): Guildo Horn

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In unserer heutigen Folge widmen wir uns dem „Meister“. Er findet nicht nur Schlager toll und hat uns alle lieb, nein, er revolutionierte nebenbei auch das Ansehen des damals angestaubten Grand Prix in Deutschland. „Piep piep piep“, dafür haben wir Dich noch heute sehr lieb, lieber Guildo! (Bild: Pressefoto)

Der ESC Auftritt und seine Auswirkungen 

Guildos Auftritt beim Grand Prix gilt als legendär. Bereits vor dem deutschen Vorentscheid 1998 titelte die Bildzeitung „Darf dieser Mann zum Grand Prix?“ und machte den ESC wieder zum Tagesgespräch. In der Tat entsprach Guildo nicht dem klassischen Schlagerstar, den man zu jener Zeit zum ESC schickte. Zottelhaar, Bauchansatz und schrill-bunte Kostüme machten Guildo aber erst recht liebenswert und entfachten ein schon Jahrzehnte nicht mehr dagewesenes Interesse am Eurovision Song Contest.

 

Plötzlich war es hipp den ESC überhaupt anzuschauen. Mehr noch: die meisten noch heute zelebrierten ESC Parties in Deutschland hatten damals ihren Ursprung. Der ESC entwickelte sich hin zu einem Gemeinschaftserlebnis und Event und zwar nicht nur in der Kernzielgruppe. Liebevoll wurden von nun an Köstlichkeiten aus dem Gastgeberland zubereitet und während des Finales verzehrt und als idealer Pausensnack stellten sich plötzlich Nussecken heraus, die Lieblingsspeise des „Meisters“.

nussecken

Obwohl der Meister „nur“ Siebter in Birmingham wurde, ist er im Heimatland Deutschland frenetisch gefeiert worden. Bei seinem Auftritt gab Guildo alles und sprang sogar wagemutig auf ein Geländer und flitzte durchs Publikum und zeigte große Posen. Der Funke sprang über und selbst die BBC wunderte sich, dass es ja in Deutschland auch „funny people“ gibt. Deutschland sammelte mit seinem Auftritt Pluspunkte in fast ganz Europa.

Was passierte danach?

Guildo Horns ESC-Teilnahme markierte somit in Deutschland den Beginn einer neuen Ära: der konservativ spießige Mief und der Balladen-Overkill der 90iger waren beim ESC nun passé. Sicher trug neben Guildo auch der phänomenale Sieg von Dana International in Birmingham zu dieser Zeitenwende bei. Von nun an wurde es moderner: aus dem Schlager Grand Prix wurde nun auch namentlich der Eurovision Song Contest.

Auch in den Folgejahren zehrte der ESC in Deutschland vom Guildo-Boom, wie die Einschaltquoten eindrucksvoll belegen. Als direkte Konsequenz wurden weitere Fun-Acts angelockt, die ihr Glück beim ESC-Vorentscheid versuchten (Stefan Raab, Rudolf Mooshammer, Gerd Show etc) aber auch Chartstürmer zeigten nun wieder größeres Interesse am ESC Vorentscheid (Scooter, E-Rotic, Overground, Kelly Family etc).

Rolle des ESC in der Karriere

Der 1963 geborene Guildo begann 1991 als Schlagersänger und trat 1994 zum ersten Mal in der ZDF-Hitparade auf und belegte auf Anhieb Platz 3. Bereits nach dem Abi absolvierte er ein soziales Jahr in einer Lebenshilfe-Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung. Nach dem Ende des Pädagogik-Studium 1994 arbeitete er als Musiktherapeut bei der Trierer Lebenshilfe. Mit seiner Band „Die orthopädischen Strümpfe“ tourte er durch Deutschland und trat unter anderem bei Rock am Ring auf.

Der Höhepunkt seiner musikalischen Karriere war aber sicherlich sein Sieg beim deutschen Vorentscheid und sein Auftritt in Birmingham. „Guildo hat euch lieb“ wurde zu seiner erfolgreichsten Single und kletterte bis Platz 4 der deutschen Charts (Platz 17 Schweiz/ Platz 37 Österreich) und hielt sich insgesamt 16 Wochen in der deutschen Top 100.


Wie ging es weiter und wo steht Guildo heute?

Als gefeiertem ESC-Star standen Guildo im Anschluss viele Türen offen und er nutzte diese Popularität indem er viele neue Wege ging. Neben dem Musiker Guildo gab es nun auch den Schauspieler und Moderator Guildo Horn – und beides gelang ihm mit Erfolg.

Der Schauspieler Guildo hatte zunächst ein paar Startschwierigkeiten: er spielte 1999 die Hauptrolle des Frisörs Toni Schatz im Film „Waschen, Schneiden, Legen“ und musste sich Kritik gefallen lassen. Es folgten Auftritte in Daily Soaps (Unter uns) und Gerichtsshows sowie Krimis (SOKO Köln) und Serien (In aller Freundschaft). Besonders erfolgreich waren seine Auftritte in Operetten und Musicals (zum Beispiel Kiss me Kate und Paradise of Pain) sowie in der Opernadaption Leporellos Tagebücher, worin er die Titelrolle von Don Giovannis Diener spielte.

Guildo Waschen Schneiden Legen

Der Moderator Guido Horn trat besonders ab 2006 in Erscheinung als er in der SWR Talkshow „Guildo und seine Gäste“ auf sehr einfühlsame und unterhaltsame Weise mit geistig behinderten Menschen Gespräche über aktuelle Themen führte. Die Talkshow war für den Grimme-Preis nominiert und erhielt den BG Paralympic Media Award.

Der Tausendsassa Guildo ist so aktiv, dass wir hier unmöglich alle seine Projekte thematisieren können. Bemerkenswert ist aber etwa seine Rolle als WM-Botschafter bei der Fußball WM in Deutschland. Außerdem nutzt der Meister seine Popularität und engagiert sich unter anderem für LSVD-Aktionen zum Thema Gleichstellung von Lebenspartnerschaften.

Der Musiker Guildo arbeitet ganz aktuell an einem neuen Doppelalbum, das im Herbst 2014 erscheinen soll und den Titel „Schlager unser“ trägt. Der Meister verspricht: die musikalische Bandbreite wird von Deep Purple über Peter Alexander und Österreichs erstem ESC-Sieger Udo Jürgens reichen. Sogar ein paar weihnachtliche Klänge kündigt er an. Wir sind gespannt und voller Vorfreude.

Guildo Horn Medley 2013
Rückkehr zum ESC?

Guildo hat sich seit seiner grandiosen ESC Zeit weiterentwickelt und vieles ausprobiert. Er ist in allem was er tut aber noch genauso liebenswert und besitzt nach wie vor diese ansteckende Fröhlichkeit. Sein Sieg beim Vorentscheid und sein Auftritt in Birmingham sind Meilensteine der deutschen TV Geschichte geworden. So einen Hype kann Guildo sicher nicht mehr toppen oder wiederholen, insofern wäre es verwunderlich, wenn er erneut antreten würde. Da Guildo aber so herzerfrischend verrückt und anders ist, muss man in der Zukunft natürlich trotzdem mit allem rechnen: „Schlager unser“ im Himmel…
Infos zu Guildo Horn im Netz:
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Vorschau: In Folge 4 unserer Serie „Was macht eigentlich…?“ bleiben wir weiterhin im Jahr 1998 und werfen den Blick gen Norden. Matthias folgt den Spuren einer skandinavischen Künstlerin.

Bereits in der Serie „Was macht eigentlich…?“ erschienen:

(1) Rosenstolz (BennyBenny)
(2) Glennis Grace (Tjabe)