Was wird aus Israel beim ESC?

Israels Regierungschef Netanjahu will den ESC im eigenen Land nicht gefährden, sagt er. Doch in trockenen Tüchern ist noch nichts – und eine Teilnahme Israels nach 2019 ist erst recht in Gefahr.

1979 hatte Israel mit „Hallelujah“ den Eurovision Song Contest gewonnen und hätte im Jahr darauf den ESC ausrichten und den Titel verteidigen können – am Ende tat es weder das eine noch das andere. Wegen des hohen Feiertag Jom haSikaron (Gedanktag für die gefallenen Soldaten), der just auf den Tag des festgelegten ESC-Datums fiel, nahm Israel 1980 nicht am ESC teil und dieser fand letztlich in Den Haag statt. (Jom haSikaron könnte auch 2019 Probleme bereiten, wie wir hier beschrieben haben.)

2019 besteht für den neuen israelischen TV-Sender Kan die Gefahr, dass ähnliches geschehen könnte. Nicht mal wegen eines Feiertags, sondern aus medienpolitischen Gründen. Im Moment scheint die Sache erst mal vom Tisch zu sein: Israelischen Medien zufolge will Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die geplante Aufsplittung des Senders – offiziell Ta’agid ha-Schidur ha-Jisre’eli, international als „Israeli Public Broadcasting Corporation“ (IPBC) bezeichnet – verschieben, die eine Mitgliedschaft in der EBU und damit eine Teilnahme am (und erst recht Ausrichtung des) von der EBU ausgerichteten Song Contest riskieren würde.

Damit besteht zwar weiter das Risiko, dass IPBC später aus der EBU geworfen werden könnte – aber den Berichten zufolge will Netanjahu zumindest die Ausrichtung des ESC im eigenen Land nach dem Sieg von Netta („Toy“) in Lissabon nicht gefährden: Man werde den Vorgaben der EBU Folge leisten, wurde Netanjahu zitiert.

Heute (Dienstag, 19.6.) treffen sich EBU- und IPBC-Vertreter am EBU-Sitz in Genf. Details der Tagesordnung sind nicht bekannt, aber es wird wohl um den Status des Senders gehen – und damit auch um den ESC. Geplant ist, IPBC neu auszurichten und dazu in zwei Teile aufzutrennen: eine Informations- und eine Unterhaltungssparte. Eine solche Trennung widerspricht den Regelungen der EBU.

IPBC hat derzeit ohnehin nur einen vorläufigen Status innerhalb der EBU. Der Sender  nahm erst im Mai 2017 seinen Betrieb auf und ersetzte den Vorgänger IBA, der auf Beschluss des Parlaments (Knesset) nach über 60 Jahren geschlossen wurde – wir erinnern uns an die Abschiedsworte von Spokesperson Ofer Nachshon beim ESC 2017 in Kiew („tonight is our final night. Shortly, IBA will shut down its broadcasting forever, so on behalf of everyone here of us let me say thank you Europe for all the magical moments“).

Beim heutigen Treffen könnte der Status verlängert werden. Dafür dürfte die EBU den IPBC-Vertretern einige Fragen zu Netanjahus Vorhaben stellen. Eine Aufsplittung des Senders müsste in Israel vom Gerichtshof bestätigen werden, und der irische Generaldirektor der EBU, Noel Curren, machte dem Chef von IPBC schon mal schriftlich deutlich, dass dann der Sender zum einen die Mitgliedschaft in der EBU neu beantragen müsse und dieser Antrag dann genau geprüft würde – und die Chancen, wieder aufgenommen zu werden, wären dann womöglich gering, so Curren: „We are not aware of any PSM organization that operates the news in a totally separate entity with a separate governance.“ Mit PSM meint Curren öffentlich-rechtliche Sendeanstalten.

Es bleibt also spannend im Streit zwischen EBU und IPBC sowie Netanjahu. Denn die Frage bleibt ja, warum überhaupt der Sender geteilt werden soll – eine Vorgabe, die schon im Knesset-Gesetz zur Auflösung der IBA und der Neugründung der IPBC steht, aber letztlich abhängig von der Gerichtshofentscheidung gemacht wurde (eine Kompromisslösung).

Offenbar ärgert sich Benjamin Netanjahu über missliebige allzu regierungskritische Berichte des Senders. Die Idee dahinter wäre dann: Verschiebt man Nachrichtensendungen und Dokumentationen in einen separaten Kanal, dann kriegt die breite Masse, die Kan schaut, von dem kritischen Zeugs kaum noch was mit. Die Opposition hält natürlich nichts von der Teilung des Senders und fordert ein neues Gesetz, das das alte ersetzen solle. Dann wäre auch die weitere Teilnahme am ESC gesichert – schließlich wollen wir auch in Zukunft hören, „Israel, may we have your points please?“