Weitere Schweden auf Saades Fährte

Nordic Shine
Nordic Shine

Zweite Runde im Webbjoker-Melodifestivalen: Acht hoffnungsvolle Kandidaten möchten gern beim großen Mello im Februar 2012 dabei sein – und einer trägt womöglich Eurovisions-Gene in sich. Ich sage nur: „Si la vie est cadeau“

Das schwedische Fernsehen SVT hat online die 2. Vorrunde im Webbjoker-Wettbewerb 2011/12 gestartet. Zur Erinnerung: Hier konnten Musikamateure Lieder einreichen – 32 treten nun im Wettbewerb an, und Anfang November steht ein Siegertitel fest, der dann im Februar 2012 beim Melodifestivalen, also dem schwedischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest, mitmachen wird.

In der 1. Webbjoker-Vorrunde gewannen vergangene Woche übrigens die von mir favorisierte Ballade „I mina drömmar“ und die rockige Nummer „All Day All Night“.

Neue Chance, neues Glück nun also in der zweiten Runde. Das ist vor allem für Keylas wörtlich zu nehmen: Das Damentrio aus der ersten Vorrunde ist wieder dabei. (Dass SVT mehrere Songs von Interpreten zugelassen hat, sorgte im Internet bereits für Diskussionen – SVT verteidigte das damit, dass im Mittelpunkt ja der Song stehe, nicht der Künstler.)

Was die Keylas betrifft, hätte ich auf ihr langweiliges Lied vorige Woche gut verzichten können. Dieses Mal haben sie etwas Besseres zu bieten. Womit wir schon in medias res wären… (die Textlinks führen zu den Clips auf der Website von SVT)

1. Keylas: For The Win
Elektrobeats eröffnen das Drei-Minuten-Stück, das sich dann langsam zum Refrain steigert. Welch ein Gegensatz zu der Nummer vorige Woche, das kaum aus dem Quark kam. „For The Win“ ist deutlich stärker, zeigt von Anfang an, welcher Stil einen erwartet. Das Lied erinnert von Rhythmus her an „Dance Alone“ (Love Generation, Melodifestivalen 2011), die Melodie ist aber etwas monotoner. Und „we are in – for the win“ ist nicht gerade die cleverste Reimzeile. Aber was soll’s… Akzeptabel.

2. Nordic Shine: What If
Wenn Eurovision in den Genen steckt, sollte das hier ins große Mello durchstarten: „What If“ wurde komponiert von Stefan Lebrot, dem Sohn von Jean-Pierre Millers – und der schrieb den Siegertitel des ESC 1983, „Si la vie est cadeau“. Musikalisch haben die beiden Stücke aber nichts miteinander gemein: „What If“ ist ein astreiner Hardrock-Song, bei dem Lebrot als Sänger der Band Nordic Shine vor allem im Refrain ein bisschen nach Axl Rose (Guns ’n Roses) klingt. „What if“ rockt prima, geile Gitarrenriffs.

3. Sören Karlsson: Se mig som jag är (om du ser)
Wie schon die 1. Runde hat auch diese nur einen einzigen Titel in schwedischer Sprache.„Se mig som jag är“ ist ein beschwingtes Stück, bei dem man schnell mitwippt. Schwedisches Dansband-Material, das mit einem modernen Dancebeat etwas auf modern getrimmt wurde. Das könnte man sich beim großen Mello von SCOTTS oder Larz-Kristerz präsentiert vorstellen. Man darf gespannt sein, wie das im Webbjoker-Wettbewerb abschneidet. Traditionell ist sowas ja eher für ältere Semester gemacht, die nicht unbedingt bei Online-Abstimmungen mitmachen.

4. Elin Jakobsson: I’m Yours
Elin singt zu schlichter Klavierbegleitung eine ruhige Liebesnummer. Vor allem zu Beginn kommt Elins leicht rauchige Stimme da sehr gut zur Geltung. Man darf „I’m Yours“ allerdings nicht zu oft hintereinander hören, sonst gehen einem die Stellen, bei denen Elin in stimmliche Höhen abwandert, schnell auf die Nerven. Das Stück selbst ist aber gutes Singer-Songwriter-Handwerk. Trotzdem dürfte es hier keine großen Chancen haben.

5. A Heartbeat Away
Hier wird die Ankündigung von SVT, dass der Webbjoker-Interpret nicht automatisch auch beim großen MF im Februar auf der Bühne stünde, konsequent zum Abschluss geführt: „A Heartbeat Away“ wurde gar nicht mit einem namentlich genannten Künstler versehen – „Demosångare“ (Demosängerin) steht da einfach nur. Eine balladenhafte Popnummer, an Linda Pritchards „Alive“ vom diesjährigen Mello erinnernd. Also: Linda, come back! „A Heartbeat Away“ wartet nicht mit großen Überraschungen auf. Nachdem die ersten Takte die Richtung vorgegeben haben, verläuft das Lied klar strukturiert bis zu seinem Ende (man könnte böse sagen: vorhersehbar). Die 90er-Jahre-Trance-Soundelemente gefallen mir…

6. Kajsa Ingemansson: Kitchen Floor
Rotzig vorgetragener Gesang zu Rockbeats. „Kitchen Floor“ besticht eigentlich eher durch die Strophen als durch den Refrain, der – wenn ich den Text richtig verstehe – nur aus einer Aufzählung von Orten besteht, an denen der Angesungene es der Sängerin mal besorgen soll: „in the park, in the restaurant, in the wardrobe, in the cellar, in the forest…“ Alles irgendwie seltsam, verstörend, nervig. Das Stück ist nur 2:30 Minuten lang – ob’s noch auf 3 Minuten aufgepäppelt wird? Eigentlich reichen mir schon die zweieinhalb.

7.  David Nestander: Beautiful Love
Auch diese Runde braucht ein Stück, das niemanden beim Bügeln stört und dennoch gnadenlos durchfällt. Diesmal ist es „Beautiful Love“ – nett, schön instrumentiert mit Akustikgitarre, Streichern, ein bisschen countryhaft. David hat auch eine gefällige Stimme, die mal sanft, mal kräftig erscheint. Das Lied steigert sich im Lauf der 3 Minuten auf einen starken Schlussrefrain. Doch das alles wird nichts nützen, fürchte ich. Immerhin macht es Spaß, sich beim Zuhören zurückzulehnen, die Augen zu schließen und seinen Träumen nachzuhängen.

8.  Greta: Through The Fire
Schade, dass das nur demo-mäßig produziert ist: „Through The Fire“ ist ein Rohdiamant, der unter den Händen eines guten Produzenten zu einem echten Juwel geschliffen würde. Eine starke Popnummer, die mich irgendwie etwas an „Tick Tock“ vom Melodifestivalen 2009 erinnert. „Through The Fire“ hat auch etwas Orientalisches. Kein Wunder: Co-Komponist Jim Wallenborg lebt u.a. in Phuket und sieht hier „bengalische Feuer“ vor sich. Neben dem Produzenten bräuchte das Stück aber auch eine bessere Sängerin. Gegen Ende zeigt Greta ziemlich deutlich, wo ihre stimmlichen Grenzen liegen. Die letzten 30 Sekunden sind kaum zu ertragen.

Mein ganz persönliches Ranking würde so aussehen:
1. Through The Fire [trotz Greta]
2. A Heartbeat Away
3. What If
4. I’m Yours
5. Se mig som jag är (om du ser)
6. Beautiful Love
7. For The Win
8. Kitchen Floor