Wenn Portugiesen sprechen… – Salvador Sobrals Rede und ihre Folgen

Der Sieg ist eindeutig – Publikum und Jurys setzen in Kiew den Portugiesen Salvador Sobral, seine betörende Ballade und seinen einfühlsamen Gesang unangefochten auf den ersten Rang. Doch dann beginnt Salvador zu sprechen und in der Folge davon mischen sich Misstöne in den triumphalen Sieg. Chronik einer Kettenreaktion.

„Ich möchte sagen, dass wir in einer Welt der Wegwerfmusik leben, Fast-food-Musik ohne jeden Inhalt. Ich glaube, dies kann ein Sieg der Musik sein, für Menschen, die Musik machen, die tatsächlich etwas bedeutet. Musik ist kein Feuerwerk, Musik ist Gefühl. So lasst uns versuchen, das zu ändern. Lasst uns die Musik zurück bringen. Darum geht es!“

Das sind Salvador Sobrals Worte auf die Bitte der Moderatorentriade um eine Botschaft an alle, die für ihn gestimmt haben. Einer der ukrainischen Sportreporter findet sie „AMAZING“.

Seit ein paar Jahren gehört sie dazu wie die Wiederholung des Siegerliedes: die Rede nach dem ESC-Gewinn, die Worte an die, die den Sieger zum Sieger gemacht haben.

Legendär: Conchita komplett überwältigt im Jahre 2014 in Kopenhagen:

„Diese Nacht ist allen gewidmet, die an eine Zukunft in Frieden und Freiheit glauben. Ihr wisst, wer ihr seid. Wir sind eine Einheit! Wir sind NICHT ZU STOPPEN!“

Im Jahr darauf in Wien zeigt sich Måns Zelmerlöw nach einer kurzen Danksagung an sein Team ähnlich emotional:

„Wir sind alle Helden, egal wen wir lieben, wer wir sind, woran wir glauben! Wir sind alle Helden!“

2016 in Stockholm nimmt Jamala Bezug auf Måns‘ und Petras Pausennummer „Love, love, peace, peace“ und schreit es in die Welt hinaus:

„Ahh…, ich weiß, dass du ein Lied über Frieden und Liebe singst. Aber tatsächlich – ich will wirklich FRIEDEN UND LIEBE FÜR JEDEN!“

Die salbungsvollen Worte aller drei Gewinner sind jeweils noch mit einer hübschen Prise Tränen garniert, die Emotionen kochten über, aber, das dürfen sie auch, denn schließlich ist der Sieg für jeden Künstler sicher der ultimative Klimax des Abenteuers Eurovision.

Alle drei verknüpfen ihre Gewinnerreaktion zudem mit einem eigenen Thema: bei Conchita ist es das unbedingte Bedürfnis, für Andersartigkeit und Toleranz zu werben. Bei Måns geht es in die gleiche Richtung,  das Ganze ist aber eine Nummer persönlicher, wird er doch aufgrund unflätiger Bemerkungen in einer Kochshow von der Teilen der Kernzielgruppe recht argwöhnisch beäugt. Und bei Jamala schwingt sicher der Konflikt ihres Heimatlandes mit dem großen Nachbarn mit – sowohl in historischer als auch aktueller Dimension. Und dennoch: inhaltlich liefern alle drei  Statements nichts anderes als Allgemeinplätze und das ist für diesen Anlass auch völlig in Ordnung. Die Künstler setzen kleine spontan wirkende Impulse, die fast jeder mittragen kann und die Stimmung und das europaweite Gemeinschaftsgefühl noch untermauern. Eurovision feeling at it’s best!

Und Salvador Sobral?

Bei ihm ging es definitiv nicht um Weltfrieden, anders als in seinem Kommentar zum Thema „Flucht“ in der Pressekonferenz auch nicht um das Miteinander der Menschheit, sondern um das Kernthema der Veranstaltung, das gleichzeitig auch sein eigener Fokus ist: die Musik.

Während seiner „Rede“ war auch ich vor dem Bildschirm ein wenig befremdet. Muss das sein? Will er seine ESC-Kollegen niedermachen? Ist das gar ein Dolchstoß gegen Levina und alle anderen Teilnehmer mit library songs? Geht es um die böse Musikindustrie, um Geldhaie in der Szene, um Schwedenlieder europaweit?

Beim Sieger-Da capo entscheide ich für mich: es geht um ganz etwas anderes. Salvador Sobral arbeitet sich an der Musik, insbesondere seiner Musik ab. Er möchte Gefühle durch Musik ausdrücken und Töne zu Gefühlen werden lassen. Nach unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzung mit Musik, u.a. einer vermutlich musikalisch nicht in allen Punkten befriedigenden Teilnahme am portugiesischen „Idols“, ist dies der Moment, in dem er mit seiner Art von Musik die Menschen erreichen kann. Nicht nur Portugal, ganz Europa versteht ihn, endlich. Hoffnung und Genugtuung für Portugese Independent, für nostalgische Jazztöne, für Salvador Sobral.

Doch während er in seinen Gesang alle Gefühle der Welt hinein legen kann, wirkt er in der Stunde des Triumphs auch abgeklärt und rational. Anders als seine drei Vorgänger ist von Tränen, überwältigten Gesichtern, überbordenden Gesten und hochgereckten Armen nichts zu sehen, ein freundliches Lächeln, ein wenig Händeschütteln. Das ist es. Die Siegerehrung scheint nicht sein Pflaster zu sein.

Und dann noch eine Rede: plötzlich steht der Portugiese „all alone in the danger zone“. Vielleicht ist auch die wirklich übertriebene und sehr künstliche Gratulationskur der Moderatoren ein Fünkchen, das dazu beiträgt, dass Salvador auf den eigentlichen Kern des Ganzen zu sprechen kommt: die Musik, seine Musik, die für ihn nicht grinsbackig in Plastikverpackungen daher kommen darf und zum schnellen Verzehr gedacht ist, sondern ehrlich, echt und tief in ihm sein muss.

Die Freude zeigt sich erst etwas später, als er mit Schwerster Luisa auf der Satellitenbühne steht, sie in enger Umarmung den Pokal über sich halten und anschließend gemeinsam ihr Lied singen. Freudentaumel, wohl nur möglich mit und in der Musik.

 

So weit so gut – aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Am Dienstag nach dem ESC meldet sich Schwedens Robin Bengtsson per Twitter zu Wort und findet klare Worte. Die kurze Schockstarre, die auch ich bei Sobrals Ansprache erlebt habe, trägt der gute Robin wohl weiter mit sich herum. Und irgendwie hat er ja auch recht: auch simpel gestrickte, synthetisch konstruierte Musik vom Laufband kann Spaß machen. Alles hat seinen Platz, alles hat seine Zeit. Das Leben besteht nicht nur aus Feuilleton.

Dass Salvador Sobral  sich nicht über sämtliche diesjährigen Eurovisionsbeiträge stellen will, zeigen ein paar niedliche Videos, in denen er gemeinsam kleine Versionen verschiedener Songs zum Besten gibt:

 

Der Südländer scheint den Nordeuropäer aber dennoch getroffen zu haben, ob beabsichtigt oder nicht. Robins Twitterbeitrag wird nachfolgend auch von anderen Teilnehmern unterstützt, z.B.von Imri aus Israel.

Die Sache ist tatsächlich wohl unglücklich gelaufen. Salvadors Worte sind für viele missverständlich und vermutlich nicht ganz situationsadäquat. Falls es ihm wirklich vor allem um „seine Musik“ gegangen ist, hätte ein nettes Wort mit Blick auf die anderen Teilnehmer vermutlich nicht geschadet. Aber das muss einem in der Situation auch erst einmal einfallen. Der Drops ist jedenfalls gelutscht. Vielleicht kann jetzt nur noch der Titelsong von Salvadors Album helfen…

Aber noch ist nicht Schluss: Ein weiterer ESC-Teilnehmer meldet sich zu Wort: Yodel-Rapper Alex Florea gibt am 18. Mai in Rumänien ein Interview bei Adevărul und geht dabei auf ganz andere Weise mit Salvador ins Gericht. Ob ihn Robin dazu inspiriert hat, ist nicht belegt, sicher spielt aber das „Sobralsche Anderssein“ eine Rolle.

Alex bezieht sich nicht explizit auf „die Rede“, sondern unterstellt dem Portugiesen eine knallharte Marketingkampagne, bei der er seine Krankheit als billigen theatralischen Trick nutze. Der Sänger sei nicht herzkrank, sondern krank im Kopf. Er habe sich in Kiew nicht fotografieren oder interviewen lassen und sei nicht zu den Proben erschienen. Sein Song sei sehr gut, aber er habe seine Probleme genutzt, um zu gewinnen anstatt mit Stimme und Show zu überzeugen. (Textquelle: Wiwibloggs)

Foto: Eduard Enea

Na, da mimt aber jemand den Gangsta-Rapper und stellt sich gleichzeitig als sehr schlechter Verlierer dar. Während Robin Bengtsson seine Kritik konstruktiv im höflichen Bankerstil vorbringt, wühlt Alex in der Gosse und sucht nach schmutziger Wäsche. Bäh.

Was lehrt uns all das? Salvador Sobral ist und bleibt kantig, er polarisiert, löst Widersprüche und Widerstand aus, bleibt aber gleichzeitig ein würdiger und ganz anderer ESC-Sänger mit neuen, nie geahnten Macken. Wir warten gespannt ob und wenn ja wie diese Geschichte noch weitergeht. Auf jeden Fall erhält die vielfältige ESC-Historie einen weiteren interessanten Farbtupfer. Celebrate Diversity.