Wer kommt ins ESC-Finale 2018? Was die Papierform sagt

Am Montag wurde beim Allocation Draw in Lissabon die Zusammensetzung der Halbfinale ausgelost. Neben den klassischen Wer-gibt-wem-sicher-12-Punkte-Diskussionen stellt sich die Frage, welches der beiden Halbfinale das (vermeintlich) schwierige ist. Mit anderen Worten: In welchem Semi sind mehr Immerwinner vertreten? Dass die Papierform nicht alles ist, hofft sicher der Mann auf dem Aufmacherfoto, Miklos Josef. Denn die tschechische ESC-Statistik spricht eher gegen eine Final-Qualifikation des Landes.

In der Vergangenheit haben wir uns immer wieder der Papierform der ESC-Länder gewidmet. OLiver führte dazu eine Immerwinner-Liste, in der festgehalten wird, mit welcher Quote sich die Länder seit der Einführung der Halbfinale für das Finale qualifiziert haben. Während sich ein Immerwinner in allen Jahren seiner ESC-Teilnahme erfolgreich ins Finale gekämpft hat und somit bei 100% steht, hat ein Land, das nur bei der Hälfte der Teilnahmen so erfolgreich war, entsprechend 50%.

Getreu dem Börsenmotto „The trend is your friend“ schauen wir uns darüber hinaus auch besonders die letzten drei Jahre an. Das kann hilfreich sein, um Sonderfälle wie etwa Bulgarien besser bewerten zu können. In der ewigen Immerwinner-Liste kommt das Land nur auf 27%. Es hat also nicht einmal bei jeder dritten Teilnahme die Finalqualifikation geschafft. Gleichzeit ist man nach einer Pause 2015 in den letzten beiden Jahren durchgestartet und im Finale auf Platz 4 und Platz 2 gelandet. Trotz der niedrigen Qualifikationsquote würden daher sicher viele sagen, dass die Papierform Bulgariens deutlich höher liegt. Dieser Annahme tragen wir mit der Kurzfristtrend-Betrachtungsweise Rechnung.

Dabei nutzen wir folgende Symbole (jeweils für die Jahre 2015, 2016 und 2017 von links nach rechts)

✅ Fürs Finale qualifiziert
❌ Nicht fürs Finale qualifiziert
➖ keine Teilnahme
❶ Vorjahressieger, fürs Finale gesetzt
✱ Sonderregelung, fürs Finale gesetzt

 

Semi-Finale 1 nach ewiger Immerwinner-Ergebnis

100% Aserbaidschan ✅✅✅

91% Griechenland ✅❌✅

90% Armenien ✅✅✅

55% Kroatien ➖✅✅

54% Israel ✅✅✅

54% Litauen ✅✅❌

54% Island ❌❌❌

50% Österreich ❶✅✅

50% Zypern ✅✅✅

46% Albanien ✅❌❌

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46% Finnland ❌❌❌

42% Irland ❌❌❌

38% Belgien ✅✅✅

36% Weißrussland ❌❌✅

36% Estland ✅❌❌

36% Mazedonien ❌❌❌

27% Bulgarien ➖✅✅

23% Schweiz ❌❌❌

17% Tschechien ❌✅❌

Im ersten Semi befindet sich nur ein Immerwinner, Aserbaidschan. Mit Griechenland und Armenien sind aber auch zwei sehr sichere Kandidaten dabei (Quote ≥90%). Die Grenze für die Qualifikation fürs Finale liegt hier bei 46%. Diesen Wert erreichen Albanien und Finnland (Finnland ist nur aufgrund der hinteren Position im Alphabet außerhalb der Top 10). Der eingangs erwähnte Tscheche Miklos Josef findet sich mit seinem Heimatland Tschechien bei einer Finalqualifikationsquote von 17% am Ende der Liste.

Semi-Finale 1 nach Tendenz der letzten drei Jahre

✅✅✅ Aserbaidschan

✅✅✅ Armenien

✅✅✅ Israel

✅✅✅ Zypern

✅✅✅ Belgien

❶✅✅ Österreich

➖✅✅ Bulgarien

➖✅✅ Kroatien

✅❌✅ Griechenland

✅✅❌ Litauen

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❌❌✅ Weißrussland

❌✅❌ Tschechien

✅❌❌ Estland

✅❌❌ Albanien

❌❌❌Island

❌❌❌ Finnland

❌❌❌ Irland

❌❌❌ Mazedonien

❌❌❌ Schweiz

Bei der Betrachtung der Halbfinalisten der ersten Runde nach dem Trend in den letzten drei Jahren ändert sich an den potenziellen Qualifikanten gar nicht so viel. Belgien und Bulgarien rücken erwartungsgemäß auf einen Top10-Platz, während Albanien und Island nach hinten durchgereicht werden. Auch die anderen Nicht-Qualifikanten werden sich etwas überlegen müssen, um gegen den Trend abzuschneiden. Dennoch haben sie dabei bessere Chancen als die Teilnehmer im Semi 2 – und das obwohl im ersten Halbfinale ein Beitrag mehr an den Start geht.

 

Semi-Finale 2 nach ewiger Immerwinner-Ergebnis

100% Ukraine ➖✅❶

100% Rumänien ✅➖✅

100% Australien ✱✅✅

100% Russland ✅✅➖

89% Schweden ✅❶✅

82% Ungarn ✅✅✅

73% Norwegen ✅❌✅

70% Georgien ✅✅❌

70% Serbien ✅✅❌

67% Dänemark ❌❌✅

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67% Moldawien ❌❌✅

50% Malta ❌✅❌

46% Polen ✅✅✅

38% Lettland ✅✅❌

36% Niederlande ❌✅✅

29% Slowenien ✅❌❌

22% Montenegro ✅❌❌

13% San Marino ❌❌❌

Im zweiten Semi befinden sich gleich vier Immerwinner: Ukraine, Russland, Rumänien und Australien. Dazu kommen Schweden und Ungarn mit einer Qualifikationsquote von immerhin über 80%. Daneben befinden sich weiterhin überdurchschnittlich erfolgreiche Länder in dieser Gruppe, so dass der Trennwert zwischen Platz 10 und 11 bei 67% liegt (Moldawien wurde dabei Opfer der Stellung im Alphabet). Im ersten Halbfinale reichten dafür lediglich 46%!

Semi-Finale 2 nach Tendenz der letzten drei Jahre

✅✅✅ Ungarn

✅✅✅ Polen

✅❶✅ Schweden

➖✅❶ Ukraine

✅➖✅ Rumänien

✱✅✅ Australien

✅✅➖ Russland

❌✅✅ Niederlande

✅❌✅ Norwegen

✅✅❌ Georgien

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✅✅❌ Serbien

✅✅❌ Lettland

❌❌✅ Dänemark

❌❌✅ Moldawien

❌✅❌ Malta

✅❌❌ Slowenien

✅❌❌ Montenegro

❌❌❌ San Marino

Die Kurzeittrend-Betrachtung stützt diesen Befund logischerweise: Alle Immerwinner haben sich natürlich auch in den letzten drei Jahren für das Finale qualifiziert (oder waren fürs Finale gesetzt). Wiederum arbeiten sich bei dieser Betrachtungsweise aber zwei Teilnehmer in die Top10 vor: Polen und die Niederlande – beide durchaus erwartbar. Eine Abwertung erfahren Serbien und Dänemark.

Fazit

Die ESC-Final-Qualifkation ist kein Roulette, bei dem alle dieselbe Chance haben. Selbst auf der Basis von nur 10 Teilnahmen kann man sagen, dass eine Qualifikationsquote von 100% überzufällig ist und Annahmen über das zukünftige Abschneiden zulässt. Unterhalb von 80% werden die Ergebnisse schon deutlich zufälliger. Und auch der Kurzzeittrend kann prinzipiell jederzeit gebrochen werden.

Unter diesen Annahmen ist das zweite Halbfinale für die – historisch betrachteten – Wackelkandidaten das schwierigere Umfeld, sich durchzusetzen. Hier können durchaus die deutschen TV-Zuschauer, die im zweiten Semi stimmberechtigt sind, das Zünglein an der Waage sein. Für die wenigen bisher feststehenden Beiträge, die durch ein Semi müssen – Albanien und Tschechien – ist diese Auswertung durchaus ein positives Signal.