Wien lädt ein: ESC 1967 – Teil 1: Märchenbuch und Minirock

Erica Vaal

In wenigen Monaten ist Wien Gastgeberstadt des 60. Eurovision Song Contest und die vereinigte Fanschaft schaut schon gebannt, was die Donaumetropole dort wohl aufbieten wird. Bis dahin ist aber noch ein wenig Zeit und wie in den vergangenen Jahren schauen wir auf die früheren Eurovisionsausgaben, die im kommenden Gastgeberland stattfanden. Und da Österreich nur einmal das Vergnügen hatte, nehmen wir uns diesmal etwas mehr Zeit. In drei Folgen werden wird der ESC 1967 seziert.

Die 12. Ausgabe des Eurovision Song Contest oder Grand Prix Eurovision, wie er damals vielerorts genannt wurde, fand am 8. April 1967 in Wien statt. Es war zwar die letzte in schwarz-weiß gesendete Ausgabe, allerdings präsentierte der ORF einen sehr bunten Abend. Gallionsfigur der Veranstaltung war Moderatorin Erica Vaal, die sich im Hinblick auf holzschnitzartige Moderationstechniken und unfreiwillige Komik verknüpft mit einer Prise Wiener Schmäh als die allererste Wahl erwies.

„Meine Damen und Herren, liebe Zuschauer vor den Fernsehschirmen in Europa, ich begrüße Sie im Namen des Österreichischen Rundfunks beim Song Contest um den Grand Prix der Eurovision in Wien im Festsaal der Wiener Hofburg.

Mit diesem noch recht harmlos klingenden Satz eröffnete Erica Vaal den Grand Prix 1967 nach einem kurzen musikalischen Intro, bei dem die Österreicher schon mal klar gemacht hatten wo der Hammer hängen sollte. Nachdem das Orchester nach einer kammermusikalischen Version der Eurovisionsmelodie mit einem Schnipsel „Wiener Blut“ direkt in den Walzer-Modus umgeschaltet hatte, übernahm Udo Jürgens den Taktstock von Orchesterleiter Johannes Fehring und dirigierte fröhlich im ¾-Takt weiter und zwar seinen Siegersong aus dem Jahre 1966, „Merci Cherie“.

Udo Jürgens dirigiert

Erstmals beim ESC wurde ein Vorjahressieger prominent zu Beginn der Nachfolgeveranstaltung präsentiert. 1962 hatten  die Luxemburger zwar „Nous les amoureux“ als Backgroundmusik im Opening laufen lassen, aber nie zuvor hatte der Sieger selbst mit seinem Siegerlied auf der Bühne gestanden. (21 Jahre dauerte es, bis dies wieder geschehen sollte. 1988 durfte der gute Johnny Logan sogar singen.) Nach diesem Debut gab Udo Jürgens das Zepter mit einem zarten „Küss die Hand“ an Erica Vaal, die auf der blumenumsäumten Bühne stehend schon darauf zu warten schien.

Ihre Hochsteckfrisur lag irgendwo zwischen Maria-Theresia und Dusty Springfield, dazu gab es ein dezent glitzernd hochzüchtiges Abendkleid und zur Unterstützung ihrer Moderationstätigkeit ein feines, vermutlich in Leder gebundenes Märchenbuch. Wie ein Denkmal, fast unbeweglich stand sie da und versuchte durch Atmen nach innen ihre sichtbare Nervosität zu verbergen. Trutschig oder zeitgemäß? Wer weiß.

Erica Vaal mit Märchenbuch

Und dann ging es los: Mit einer tiefen und leicht rau klingenden Stimme, möglicherweise bedingt durch den ein oder anderen Besuch beim Heurigen, hauchte sie die oben zitierten Begrüßungsworte ins Mikrofon, um danach noch ein paar freundliche Floskeln hintenher zu schieben, die alle ein bisschen nach einem gefühlsduseligen Walzer klangen:. „Dass dem schönsten und besten Lied der Grand Prix zufallen möge, ist unser aller Wunsch.“ war dabei der ethisch-wertvollste Satz ihrer Ausführungen. Nach dieser freundlich charmanten Begrüßung blätterte Erica eine Seite ihres  Buches um und man dachte, dass es nun zu einigen Ausführungen zum Reglement kommen würde, aber weit gefehlt.

Erica Vaal nahm all ihren Mut zusammen und verlas ihre Operettenbegrüßung wortwörtlich in satten fünf weiteren Sprachen. Ihr Französisch wirkte etwas schluderig, ihr Englisch recht lässig, das Italienisch souverän, beim Spanischen musste sie schon etwas konzentrierter agieren, um bei Russisch noch eine Schippe Fokus draufzulegen. Russisch wurde vermutlich aufgrund der Zuschaltung der Intervision einbezogen. Anschließend entschuldigte sich Erica bei den Zusehern aus den Ländern, die sie  nicht in der jeweiligen Sprache begrüßt hatte, aber die Zeit sei einfach zu knapp gewesen, um all diese Sprachen zu lernen. Sollte der Contest aber in nächster Zeit noch einmal in Wien stattfinden, würde sie das nachholen. Eine nette Geste, aber die nächste Zeit ist lange vergangen und ob die Armenier oder Niederländer im Mai aus Wien landessprachlich begrüßt werden, erscheint fraglich.

Erica Vaals Begrüßung war mit knapp fünf Minuten deutlich länger als das, was die ESC-Hostessen bis dato aufgeboten hatten, vor allem, weil wirklich nichts über den Ablauf des Abends verkündet wurde, aber wozu gibt es schließlich Kommentatoren?

Nach diesem Kraftakt hatte Erica Vaal erstmal Pause. Erst eine knappe Stunde später kehrte sie wieder auf die Bühne zurück, bot uns dann aber einige der größten Momente der ESC-Geschichte der 60er Jahre, doch dazu demnächst.

Das komplette Opening

Während Ericas Abwesenheit hatten die Zuschauer die Möglichkeit, sich die Auftritte der 17 teilnehmenen Länder einzuverleiben:

Der ESC war inzwischen als Fernsehsendung etabliert und hatte auch an Bedeutung im europäischen Musikbusiness gewonnen. Die Siegertitel der drei vorhergehenden Jahre hatten es alle zu ordentlichen bis sehr guten Hitparadennotierungen in vielen europäischen Ländern gebracht. Der Diskurs, ob man einen Mitmachschlager oder ein anspruchsvolles Chanson zum Sieger küren sollte, schien zwar noch nicht endgültig geklärt, aber France Galls Popsong aus dem Jahre 1965 „Poupee de cire..“, der erste Sieg eines wirklich modernen Schlagers beim ESC überhaupt, hatte deutlich gemacht, dass das Festival nicht darunter leiden muss, wenn man auch etwas zeitgenössischere Musik per Sieg promotet. Und die Sieger der Jahre 1964 und 1966, Gigliola Cinquetti und Udo Jürgens hatten bewiesen, dass balladeske Chansons auch die Massen ansprechen können, wenn sie denn eingängig sind, publikumswirksam produziert und ansprechend dargeboten werden.

Die Hits der Jahre 64 65 66

So zeigte sich auch 1967 eine zunehmende Lockerung des musikalisch-performerischen Korsetts, in dem der ESC besonders in seinen Anfängen gesteckt hatte. Die 50er Jahre waren endgültig vorbei, die Genres „niedliche Kabarettschlager“ und „getragenes Chanson“ wurden mehr und mehr ersetzt durch zeitgemäßere und dynamische Balladen sowie erste Anklänge von Pop – dennoch blieb das Festival noch meilenweit von den maßgeblichen Musiktrends der damaligen Zeit entfernt, Rock, nicht mal Beat hatte der Grand-Prix im Erscheinungsjahr des „Sgt.-Pepper“-Albums der Beatles zu bieten, Gruppen waren sowieso noch verboten und E-Gitarren auch nicht zu hören.

Östen mit RolliAuch mit Blick auf die Garderobe der teilnehmenden Sängerinnen und Sänger gab es mehr und mehr Abweichungen vom strengen Cocktail- oder Abendkleid oder vom Smoking der ersten Zeit, dennoch blieb der ESC eine Galaveranstaltung und keiner der 9 männlichen Solisten traute sich, auf ein dunklen, vermutlich schwarzen, Anzug zu verzichten. Am Hals wurde variiert zwischen Querbindern und Langbindern, aber alle Männer sahen fast gleich aus. Nur einer wagte die Revolution: der Schwede Östen Warnebring trug weder Schlips noch Fliege, sondern einen mutmaßlich cremefarbenen Rolli -das hatte es bisher beim ESC noch nicht gegeben- und er sah damit fast so modern aus, wie die Englischlehrer der damaligen Zeit.

Bei den Damen gab es mehr Kleidungsnovitäten. Die Kleider waren hauptsächlich uni gehalten, farblich gab man sich frisch und pastellig: orange, apfelgrün, rosa, orange, rosa, helllila, muschelgrün. All das erfuhren wir vom freundlichen österreichischen Kommentator Emil Kollpacher.

Noelle Cordier in langLange Kleider waren so gut wie passé. Zwei Damen kamen im mehr oder weniger eleganten Abendkleid auf die Bühne. auf die Bühne: Terese Steinmetz aus den Niederlanden präsentierte ihren gutgemeinten Kabarettsong und Noelle Cordier ihr klassisches Chanson für Frankreich und beide zeigten kein Partikelchen Bein. Und Geraldine aus der Schweiz kam in einem rosafarbenen Hippie-Umstandskleid auf die Bühne, mit dem sie deutlich aus dem Rahmen fiel. Der Rest war Mini oder Mini-ähnlich, mal als Träger-Hängerchen, mal mit langen Ärmeln, aber oft mit Glitzereffekten. Auch wenn fast alle Damen größere Teile ihrer Beine frei stellten, oben herum gab man sich zugeknöpft. Dekoltees waren 1967 vollkommen aus der Mode.

Minouche in muschelgrünDen extravagantesten Mini trug Minouche Barelli für Monaco. Der Komplettglitzereffekt ihres „muschelgrünen“ Kleides konnte ihre weiblichen Attribute nicht verleugnen. Kunststück, war ihr Lied doch von Serge Gainsbourg geschrieben, der damals bereits eine deutlich offenherzigere Sicht auf die Dinge hatte, als viele seiner Zeitgenossen. Das war es dann aber auch schon mit Sex-Appeal in der Wiener Hofburg.

Kirsti im PyjamaVergessen dürfen wir auch nicht Norwegen: zum zweiten Mal in Folge schickte man eine Frau im Hosenanzug zum ESC. Kirsti Sparboe ging aber noch ein Stück weiter als Ase Kleveland, die 1966 in dezentem Uni aufgetreten war: Kirsti trug eine Art helllia-Satin-Schlafanzug, der ordentlich glitzerte.

Insgesamt hatte man den Eindruck, dass die Damen sehr pragmatisch an diesen Abend herangingen – Neben Kleidern ohne Stolperfalle gab es praktische und wenig störende Kurzhaarfrisuren aller Orten. Nur eine trug das Haar lang und offen – die Schweizerin Geraldine, nach dem Hippieklied die zweite Extrawurst.

Alle setzten sich aber deutlich von der leichten tantenhaften Optik der Conferencière des Abends ab, die während der Präsentation der Lieder vermutlich hinter der Bühne saß und all diese Kleider und Frisuren nicht sehen konnte. Sie konnte aber sicher hören, was die Sängerinnen und Sängerinnen musikalisch auf die Beine bzw. Bühne stellten. Und genau damit wollen wir uns in der nächsten Folge unserer kleinen ESC-67-Reihe befassen.