Wien lädt ein: ESC 1967 – Teil 3: Punktestress und Puppet-Sieg

Punktetafel 1967

Der Wiener ESC von 1967 kann musikalisch durchaus als vielfältig und interessant angesehen werden, aber das ist ja nicht alles, was diese Veranstaltung ausmacht. Die Punktewertung ist das Sahnehäubchen der Show und die hatte es in Wien in sich. Auch wenn Sandie Shaw mit fliegenden Fahnen davoneilte, in Wien war diese Phase trotzdem unterhaltsam und amüsant. Und das lag neben einer Punktetafel, die verrückt spielte, vor allem an unserer Freundin Erica Vaal.

Nachdem Sean Dunphys glorioser Schlusston verklungen war, kam sie wieder auf die Bühne und hatte zunächst nur die überschaubare Aufgabe, den Interval-Act anzukündigen. Auch dazu nutzte sie das bereits aus dem Opening vertraute Märchenbuch. Sicher ist sicher. Und ein österreichisches Märchen betrat dann auch die Bühne: die Wiener Sängerknaben intonierten den Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“ und anschließend noch a capella „Zwoa Sternlein am Himmel“. Austria as Austria can be – und alles schön im Dreivierteltakt.

 

Nach den Knaben kehrte Erica, vermutlich nochmal nachgepudert, zurück auf die Bühne und nun geschah das, was sie legendär machen sollte. Ihr Märchenbuch war immer noch dabei, aber es war natürlich nicht möglich, die Punkte daraus abzulesen. Vermutlich hat sie sich ein paar Länder- und Zahlenübersetzungen dort notiert, aber wohl nicht alle. Oder war es allein ihrer Nervosität zuzuschreiben, dass Großbritannien auch mal als Great Britanny bezeichnet wurde?

Nachdem die Jurys in den einzelnen Ländern in den vorhergehenden Jahren jeweils eine Top 3 bzw. Top 5 ihrer Favoriten zusammenstellen mussten, griff man 1967 wieder auf das Ursprungswertungssystem zurück, das von 1957 bis 1961 zum Einsatz gekommen war: In jedem Land sitzen 10 Juroren, die je eine Stimme an ihren Favoriten vergeben. Sehr simpel und nicht sehr differenziert. Um den Sieger braucht man sich 1967 aber nicht sorgen, denn 47 Punkte im Verhältnis zu 22 für Irland sprechen für sich. Was sich auf den Plätzen 2 bis 17 abspielte, unterliegt aber auch immer ein wenig dem Zufall. Probleme mit diesem System gab es erst 1968 und vor allem 1969, als es jeweils keinen Überfliegerfavoriten gab.

Bevor Erica Vaal die Votes um die Ohren flogen, atmete sie einmal tief durch und gab wieder einen ihrer melodramatischen Sätze zum Besten: „Meine Damen und Herren, der große Augenblick der Punkteverteilung ist gekommen.“ Der Scruteneer Mr. BrownEin paar Worte zum Procedere und das Ganze nochmal leicht holprig auf Französisch und Englisch. Erica at her best. Dann wurde noch „unser Scrutineer Mr. Brown“ vorgestellt (dreisprachig natürlich) und es ging los.

„Hallo Netherlands, will you please transmit your votes to me?“ fragte Erica, dabei ins Märchenbuch blickend. Und die Netherlands waren bereit.

In der folgenden halben Stunde musste sie insgesamt 96 übermittelte Wertungen wiederholen und an die jeweiligen Ländernamen angedockt ins Englische bzw. Französische übersetzen, davon 56 mal eine Einzelwertung – „one vote, un vote“ oder wie Erica es ausdrückte: „äh wott“ – mit Betonung auf „äh“. Allerhand.

Sandie  Shaw - ein wenig angespanntSie begann sehr konzentriert, sehr langsam und sehr verständlich. Komplimente für die tolle Show waren seinerzeit noch nicht vorgesehen, vermutlich hätte das Ericas Konzentrationsfluss auch sehr beeinträchtigt. Auch das Publikum hielt sich zurück. Geklatscht wurde nicht, auch nicht bei höheren Wertungen. Das kam Erica Vaal sicher zugute.

Eine erste kleine Unsicherheit offenbarte sie bei Jury 3 aus Österreich. Der Sprecher war von der schnellen Sorte und ließ Erica zunächst keine Chance auf eine französische Übersetzung. Aber diese griff ein „Sorry, I’m awfully sorry, I have to repeat it in French too“. Man kann halt nicht oft genug “äh wott” sagen… Immer mal wieder musste sie die Sprecher diesbezüglich freundlich reglementieren, wurde dabei aber zunehmend souveräner.

Im Wartesaal zum großen GlückHinter der Bühne geschah so allerhand: die Wiener Sängerknaben sammelten Autogramme der Teilnehmer Kirsti Sparboe saß fast auf Östen Warnebrings Schoß und der sichtlich aufgeregte Udo Jürgens fraternisierte mit Sandie Shaw, kein Wunder, sie war ja gerade erst 20. Vorne wurden aber stringent Wertungen durchgegeben.

Etwa 20 Minuten manövrierte sich Erica gründlich und korrekt, wenn auch ein wenig schwerfällig durch die Punktevergabe. Aber im letzten Drittel schienen ihre Kräfte sie zu verlassen. Zusätzlich zeigte die Person, die die Wertungstafel bediente, Ermüdungserscheinungen.

Es begann mit einem Einwurf von Herrn Clifford Brown, der nach Bekanntgabe des Resultats aus Monaco eine Korrektur der Tafel verlangte. Es entstand eine Pause, die es zu überbrücken galt und Erica sprang in die Bresche und dies natürlich mehrsprachig. Das Märchenbuch konnte ihr dabei allerdings auch wieder nicht helfen und so wagte sie den freien Fall und formulierte spontan. Dabei kam ein Satz heraus, der heute in keiner TV-Sendung mit den lustigsten ESC-Momenten übersehen wird: „I hope our technical order, I mean disorder, will get in order in a few seconds.“

Erica Vaal und ihre HochfrisurZur weiteren Überbrückung versuchte sie den derzeitigen Zwischenstand durchzugeben. Das gelang bei Großbritannien noch gut, aber der Zweite und Dritte konnte nicht korrekt ermittelt werden. Das Publikum schritt jeweils mit einem zünftigen „No“ ein und korrigierte die Arme, was ihr nicht unbedingt zusätzliche Sicherheit gab, aber Recht hatten sie.

Die Panne war behoben und es konnte in vertrauter Manier weitergehen – aber nur sehr kurz. Weitere Fehler an der Anzeigentafel forderten Erica und es gab noch einige „I’m so sorry!“s aus ihrem berufenen Mund. Das alles brachte sie dann doch noch ein bisschen weiter aus der Spur: Nach der italienischen Jury hatte sie wohl das Gefühl, die Sache überstanden zu haben und verkündete freudestrahlend den Sieger – gottseidank den richtigen, aber Publikum und Clifford Brown griffen ein. „Still waiting for the Irish vote!“ rief er ihr zu, worauf hin Erica ein ganz besonders schwungvolles „Oh I’m so, I’m so sorry“ in die Runde warf.

Sandie Shaw und Udo Jürgens

Der irische Sprecher sprang auch noch auf’s Pferd und gab als einziger Spokesman einen Satz von sich, der mit den Punkten nichts zu tun hatte: „I thought we were going to be left out.“ Dies entlockte Erica Vaal ein weiteres, geqältes „I’m so sorry.“

Weitere Anzeigentafelpannen während des irischen Ergebnisses ignorierte sie. Es ging scheinbar nur noch ums Durchkommen. Aber dann war es tatsächlich geschafft. Erica war mit ihren 17 Jurys durch und Sandie Shaw hatte gewonnen. Und wie.

SiegestaumelNach der Wertung der zweiten Jury ging sie in Führung und gab diese bis zum Schluss nicht mehr ab. Nur in zwei Ländern fand sich kein Juror bereit, ihr eine Stimme zu geben, allein in drei Ländern fanden sich allerdings derer 7. Dies waren dann auch die drei höchsten Einzelwertungen des Abends. Sandie sammelt vor allem in der ersten Hälfte ihre Punkte und hatte nach acht Wertungen bereits 28 Stimmen. Irland und Frankreich lagen zu diesem Zeitpunkt bei 9.

Sandie Shaw und ChorSandie Shaws Song war das, was Europa zu diesem Zeitpunkt haben wollte und so freuten sich dann auch alle, als sie ihren Song noch einmal darbot und zwar mit genauso viel Pep wie beim ersten Mal. Dass Erica Vaal wirklich am Ende ihrer Kräfte war, bewies sie bei der Ansage zum Sieger-Da Capo: „Einmal mehr, meine Damen und Herren, nun den Song Contest, the Prix of the Grand Eurovision, Puppet on a string.” Noch Fragen?

Für den Abschluss dieses denkwürdigen Abends konnte die Gute dann aber noch einmal auf ihr Märchenbuch zurückgreifen und ihre leicht schmalztriefende Verabschiedung vortragen: “Jeder Einzelne hat dazu beigetragen, diese Veranstaltung zu dem zu machen, was sie sein sollte: ein beschwingtes musikalisches Rendezvous‘ Europas, denn Musik kennt keine Grenzen.“

Erica hat fertigDas Märchenbuch gab auch diesen Text in sechs Sprachen her und Ericas zwischenzeitliche Erschöpfung schien wie weggeblasen. Die wohlverdiente Nachtruhe oder vielleicht ein weiteres Gläschen Wein im Blick entließ Erica Vaal Europa mit einem vielsprachigen „Gute Nacht“, das vor Wiener Schmäh nur so sprühte. Und dann verließ sie in Windeseile die Bühne.

Der ESC in Wien – eine musikalisch vielfältige und in Teilen sogar hochwertige Show, die in der Votingphase zwar sehr einseitig, durch die lustigen Pannen aber trotzdem unterhaltsam war. Ein besonderer Höhepunkt war Erica Vaal, die mit ihrer märchenhaften Moderation alles in den Schatten stellte, was bisher an Moderationstätigkeit auf der ESC-Bühne präsentiert wurde. Ähnlich kurios präsentierte sich eigentlich erst wieder die ESC-Moderatorin des anderen deutschsprachigen Landes, als 17 Jahre später der ESC aus München übertragen wurde. (Aber um Marlene Charell kümmern wir uns erst, wenn Deutschland mal wieder den ESC ausrichten darf.)

Erica Vaal 90er JahreErica Vaal hatte nie wieder die Gelegenheit mit dem ESC in Verbindung zu treten. Eigentlich war sie ja auch Schauspielerin und hatte vor der großen Gala in Wien in so interessanten Filmen wie „Schüsse im ¾-Takt“ oder „Man soll den Onkel nicht vergiften“ mitgespielt. Nach dem Grand Prix landete sie beim damals neu gegründeten Radiosender Ö3 und wurde dort zu einer Spezialistin für lateinamerikanische Musik. Abgesehen von einigen kleinen Ausflügen in die Schauspielerei blieb sie dem Rundfunk treu. Im September 2013 verstarb Erica Vaal im Alter von 86 Jahren.

sandie_shaw_hello_angelUnd Sandie Shaw? „Puppet on a string“ war ihr letzter Nummer-1-Hit, danach folgten noch ein paar kleinere Erfolge, aber die 70er Jahre war sie vermutlich hauptsächlich damit beschäftigt, ihr Siegerlied zu hassen. In den 80ern gelang ihr ein kleines Comeback in Kooperation mit Morrissey und The Smiths. Ihr Indie-Album „Hello Angel“ wurde hochgelobt und verkaufte sich gut. Dieser Erfolg war für sie sicher eine späte Genugtuung.

In den 90ern war sie, wenn überhaupt, nur noch in Oldie-Shows und -sendungen zu sehen – und dort kam sie natürlich um „Puppet“ nicht herum. Nach vielen Jahren des Frusts über „Puppet“ kam im fortgeschrittenen Alter wohl die Erkenntnis, dass das Lied für sie nicht nur eine Katastrophe war. 2007 gab es eine sphärische Neubearbeitung des Songs unter dem Titel „Puppet’s got a brand new string“, in den man auf ihrer Homepage hineinhören kann.

Ganz aktuell zum 50jährigen Bühnenjubiläum in diesem Jahr hat sie noch einmal einen Song veröffentlicht: Sie singt den Gesangspart eines Titels von Neil Davidge, Mastermind hinter Massive Attack, namens „Riot pictures“.

 

So, nun ist aber wirklich genug gesagt über den Grand Prix Eurovision 1967. In ein paar Monaten wird uns Wien sicherlich viele neue verrückte und interessante Geschichten liefern.

Hier noch einmal der komplette 67er Grand Prix:

 

Hier geht es zu den ersten beiden Folgen unserer Serie: Wien lädt ein: ESC 1967

Teil 1: Märchenbuch und Minirock
Teil 2: Wahnsinnshits und Walzertakt