Wiener G'schichten (2): Heiße Zickenluft um Ann Sophie in der Eurovisions-Blase

Ann Sophie zweite Probe Deutschland 2015

Die Eurovisions-Medienwelt ist klein und höchst selbstreferenziell. FansJournalisten befragen sich gegenseitig und berichten darüber in ihren heimischen Medien. Diese werden wiederum international unter die Lupe genommen. Dabei kann aus einer medialen Mücke schon mal ein Elefant werden – oder sich um Ann Sophie ein Zickenkrieg entspinnen.

Alles begann mit einer kleinen Randnotiz in der kostenlosen österreichischen Tageszeitung „heute„. Nach ihrer ersten Probe in der Wiener Stadthalle hatten zwei Journalisten des Blattes Ann Sophie interviewt (das Video dazu gibt’s hier). Allerdings zeigte sie sich dabei „unterkühlt“ und überhaupt „ganz schön zickig“, wie am Tag drauf zu lesen war.

Ann Sophie Zicke heute.at

Am gleichen Tag wie „heute“ hatten Jens Maier vom Stern und ich ebenfalls die Möglichkeit zu einem Interview mit Ann Sophie. Ich kann mich nicht erinnern, ob sie zur Begrüßung aufstand. In jedem Fall lachte und scherzte sie mit uns. Als wir dann die Notiz in der „heute“ sahen, sprachen wir deren Autorin an, die uns kurz den Vorfall schilderte und bestätigte.

Da wir Ann Sophie ganz anders erlebt hatten, nahmen wir die Notiz als Aufhänger für einen Bericht auf stern.de. Passend zum boulevardesken Charakter des ganzen Wettbewerbs wurde dann getitelt: Österreichische Medien stänkern gegen Ann Sophie.

Der Sturm im Wasserglas nahm Geschwindigkeit auf. Die österreichischen Medien sahen die Berichterstattung auf stern.de und die darauf basierenden Geschichten auf anderen deutschen Websites. „Deutsche flippen wegen Heute-Story“ hieß es dann in einer der folgenden Ausgaben des kostenlosen Blattes aus Österreich – mit Screenshot der Stern.de-Geschichte. Als Beleg für die Korrektheit der ursprünglichen Zicken-Darstellung in der „heute“ wurde auf der entsprechenden Website noch ein Video hochgeladen.

ESC 2015 heute.at Ausschnitt zu Ann Sophie

In der Folge wurde im Rahmen der weiteren Berichterstattung von „heute“ die Beschreibung von Ann Sophie von „ganz schön zickig“ auf „Zicke“ reduziert. So „zickte“ sie, weil sie nicht beim Big-5-Konzert im Euro-Village auftrat. Zwar lieferte das Blatt auch die für die Absage offiziell mitgeteilte Begründung (Krankheit), haute aber dennoch drauf.

heute.at Ann Sophie Kritik

Zwischenzeitlich war auch die boulevardeske Zeitung „Österreich“ mit ihrem Online-Ableger Oe24.at auf den Zug aufgesprungen. Sie interviewte Ann Sophie beim Empfang des deutschen Botschafters in Wien – und fand angeblich Beweise für ihre Zickigkeit in ihrer Mimik. Das „investigative“ Video dazu gibt’s hier.

Österreich Ann Sophie Zicke

Für Teile des Boulevards hatte Ann Sophie damit auch in der weiteren Berichterstattung den Stempel „Zicke“ weg. Merke: Zeitungsmücken ignorieren, sonst werden sie ganz schnell zu ungewünschten Elefanten – erst recht in der Eurovisions-Blase.

Vorschau: In der nächsten Folge unserer „Wiener G’schichten“ erläutert Jan unsere nachhaltige Begegnung mit der Cuisine des Wiener Stadteils Ottakring – sprich, unsere spätabendlichen ausgehungerten Besuche im „Hühnerparadies“.

Bisher erschienen:

(1) Teuflische Tombola von OLiver