Wir spielen Edgar: PrinzBlog-Reihenfolge für die ESC-Semifinals (3)

Trubel in Norwegen Previewclip

Zweites Semi, erster Teil, neuer Edgar: Wie OLiver-Edgar dank unorthodoxer Methoden eine Running Order zimmert, ohne über dem drohenden Balla-Balla-Balladensyndrom den Verstand zu verlieren, so wie die Akteure im opulenten norwegischen Preview-Clip Monster like me (Bild).

Ich habe das leise Stöhnen der Kollegen, die in den letzten Jahren Pernille oder Christer in unserem „Wir spielen“-Format waren, nicht wirklich verstanden, was soll denn so schwer daran sein, eine packende, logische, stimmige Running Order für ein Semi zu gestalten? Bunte Kärtchen, Flipcharts, wissenschaftliche Methoden… also nö, das muss doch auch anders gehen. Mit gesundem Menschenverstand und Gefühl. Prompt fand ich mich als OLiver-Edgar in unserem vierköpfigen Edgar-Set wieder (Edgar Böhm ist Executive Producer des ESC in Wien, daher ist unsere Spielerei nach ihm benannt und nicht etwa nach Edgar Wallace…).

Mein erster Implus war, einfach die acht Songs per Zufallszahlengenerator sortieren zu lassen und dann die Übergänge und Klippen mit wohlgesetzten kreativen Worten wegzuerklären… aber das wäre zu einfach. Wir gehen ja davon aus, dass sich der echte Edgar auch irgendwelche Gedanken macht und nicht einfach mit Pfeilen auf die Bilder der Interpreten wirft. Nun denn, bei mäßigem Wochenendwetter sitze ich mit einer 2-Liter-Flasche Coke Zero in einem Fatboy (einem Sitzsack) auf dem Balkon, starre auf die Liste der acht in die erste Hälfte des zweiten Semifinals gelosten Titel und warte auf eine Eingebung.

Wie schon in den früheren Teilen dieser Serie geschildert, wollen wir uns um eine gewisse Abwechslung bemühen, sowohl bei Stilen und Rhythmen, als auch bei den Stimmen (männlich/weiblich/undefinierbar) und jedem Song einen Platz zuweisen, auf dem er „scheinen“ kann. Eine Ansammlung von Balladen auf einem Fleck (tödlicher Balladenklumpen) ist daher unbedingt zu vermeiden.

Ein Blick auf das Material: Ich habe Irland (junge Frau mit Ballade), Litauen (Duett mit Midtempo-Schunkelpop), Malta (Frau mit Kreischklopfer), Joksinegro (Balkanballade), Norwegen (Duett mit Monsterballade), Portugal (junge Frau mit Ballade), San Siegelo (blutjunges Duett mit Ralph-Siegel-Extrakten der letzten 20 Jahre) und Tschechien (kraftvolles Duett mit balladesker Powerhymne). O je, das sind ja gleich vier Duette! Dazu drei Sängerinnen und der knurrig-kauzige Knez. Und fast keine flotten Uptemposongs… und wie geht man mit einem Problem wie San Marino um? Wie kann man „Chains of light“ runningordertechnisch zum Scheinen bringen (abgesehen von Kerzen auf der Bühne)? Vielleicht zwischen Moldawien und Weißrussland, aber diese Songs sind nicht in meinem Set… das wird also doch kein Spaziergang!

Ich nippe an meiner dunklen Brause und beginne mit dem Eröffnungssong, der meiner Ansicht nach gut (wenigstens ordentlich) sein muss und catchy. Die Zuschauer sollen sich freuen können auf das, was da noch kommen mag und nicht augenblicklich Augenkrebs bekommen oder einen Umschaltimpuls… oder einschlafen. Da kann man natürlich nicht mit einem zu langsamen Song beginnen… Irland geht gar nicht… eigentlich kommen nur Malta (energetisch) oder Tschechien (kraftvolle Stimmen) in Frage oder vielleicht noch das biedere, aber schunkelige Litauen – „This time“ passt als Titelzeile doch ganz gut an den Anfang… los geht es also mit Vaidas und seiner Kusine (er küsst sie zumindest im Song, als wäre sie seine Kusine. Oder ein Schoßtier. Oder eine Grabplatte).

Vaidas & Monika Kuss

Ich überlege, dass ich keine zwei Duette hintereinander haben möchte, es soll ja Abwechslung stattfinden auf der Bühne… Das bedeutet die Duette bekommen ungerade Startnummern und die drei Sängerinnen und Knez gerade. Hallo, ich habe ein System. Nach den eher biederen Litauern muss es nun moderner werden. Knez ist zu traditionell, Mollys Song ist sehr langsam, aber qualitativ hochwertig, da sehen die Litauer gleich doppelt so cheesy aus als sie sind…

Hmm, ein kleiner Nebeneffekt, hier tut sich eine Chance auf, mich für die Tortur des absolut wahnsinnigen litauischen Vorentscheids zu rächen… was habe ich in Litauen gelitten… wäre ich nicht Edgar, sondern die ausgebootete Mia, würde ich mit Gusto so entscheiden… aber ich bin Edgar und ziehe die Portugal-Karte, Leonor hat zumindest ein modernes Arrangement und eine genauso moderne Frisur.

Aber spätestens jetzt muss es fetzen, jetzt darf es gern auch billig werden – also her mit Malta. Amber kämpft auf Startplatz 3. Dann wieder ein Duett, die Tschechen passen jetzt doch ganz gut, ähnlich starke Charakterköpfe wie Amber, aber einen wesentlich getrageneren Song. Und damm müsste Knez kommen, der einzige Solist thront in der Mitte meiner Semi-Häfte.

Auf Rang 6 muss nun nach meiner Prämisse wieder ein Duett erfolgen – San Marino oder Norwegen, aber jetzt erkenne ich, dass ich Norwegen und Irland in jedem Fall trennen möchte, weil sie mehr oder weniger im gleichen Teich fischen… ja, der indignierte Blick von Miss Scarlett drückt es aus: so nicht.

Debra Scarlett

Und es geht nun wirklich nicht mehr… mir fehlt ein Puffersong, ich habe mich ausmanövriert und blockiert. Nein! Ich schreie meine Frustration über die Balkonbrüstung, so laut, dass ein Eichhörnchen vom gegenüberliegenden Baum fällt…

Ich sehe es mit seinem braunen buschigen Schwanz über den Rasen davon flitzen und denke, dann eben alles nochmal von vorn. Ich brauche einen neuen Zugang, neue Inspiration… vielleicht eine kleine Hilfe. Ich verlasse den Balkon, trete an mein Bücherregal mit Ratgeber- und Expertenbüchern, greife wahllos hinein und ziehe „What would Barbra do?“ hervor, den Erfahrungsbericht einer musicalsüchtigen Britin, die ihre Probleme löst, indem sie eine imaginäre Ms. Streisand (und andere Musical-Stars) entscheiden lässt.

What would Barbra do?

Tja, tatsächlich kann es hilfreich sein, in ratlosen Momenten zwanglos Don’t rain on my parade zu performen, auch wenn man die Original-Choreographie aus den späten 60ern nicht mehr so gut drauf hat… es kann einen aber auch in eine Ausnüchterungszelle der örtlichen Sicherheitskräfte bringen…

Was also würde Barbra tun? Vorausgesetzt, sie wüsste was der ESC überhaupt ist (na, immerhin kennt sie Céline Dion)? Nun, Barbra hätte anders als OLiver-Edgar jedenfalls kein Problem damit, Duette hintereinander zu schalten, bringt sie doch ständig neue Duettalben heraus, auf denen sie mit allen möglichen Leuten singt. Könnte das ein Ausweg aus der Blockade sein?

Aber ja, denn anders als bei Barbra, wo ein Teil des Duettes ja immer von Barbra herself bestritten wird (bisweilen auch beide Teile) haben unsere vier Duette ja völlig unterschiedliche Hintergründe, stellen gewissermaßen unterschiedliche Farben dar: Upperclass-Dinnerparty (Norwegen), Heuernte auf dem Land (Litauen), Kraftsport- & Tattoostudio (Tschechien) und das vernachlässigte Jugendzentrum an der Peripherie (San Marino).

Schon bin ich wieder etwas besser gelaunt und nehme wieder auf meinem Balkonfatboy Platz. Ein Eichhörnchen (ist es dasselbe?) hat nun wieder den Ast gegenüber meinem Balkon in Besitz genommen und scheint mir zuzuzwinkern. „Und womit soll ich anfangen?“, frage ich den Nager. Das Hörnchen schweigt…

Knez mit Pferdeschwanz

Aber Moment mal, hatte ich nicht neulich beim Bildersuchen ein Bild eines aktuellen ESC-Interpreten in der Hand und dachte „der hat ‚was von einem pfiffigen Nagetier“? Und ich meine nicht den Mann in Ganzkörperkostüm eines Bibers, der im lettischen Vorentscheid auf französisch rappte… Und trug er auf dem Bild sein Haupthaar nicht auch zu einem mehr oder weniger buschigen (Pferde)schwanz gebündelt? Und tatsächlich, ich finde das Knezhörnchen vor dem ESC-Makeover und bedanke mich bei meinem felltragenden Nachbarn für die Inspiration.

Das stimmungsvolle Montenegro ist eine prima Nummer 1. Jetzt keine Experimente, sondern was Solides. Hatten wir ja alles schon mal (Montenegro war schon öfter Nummer 1 und der Autor des Songs Zeljko als Sänger auch schon mal…). Adio ist nicht innovativ, aber auch nicht verstörend. Das passt schon. Danach dann Malta. Mehr Power auf dem ehemaligen Todesslot Nummer 2. Die Qualität kommt dann eben erst später…

1. Montenegro: Knez – Adio

2. Malta: Amber – Warrior

Das Quali-Upgrade folgt nämlich jetzt an dritter Stelle mit den morbiden Monstern aus Norwegen…danach ein weiteres Duett, das einen Kontrast darstellt… die minderjährigen Sammarinesen werden es von jeder Position schwer haben, aber wenn man sie in mehr oder weniger klassische Balladen einbettet, ist es vielleicht nicht ganz so hoffnungslos…  also Anita & Michele auf Nummer 4 und dann müssen Leonor oder Molly kommen – es wird Molly, klassischer geht es eigentlich kaum.

3. Norwegen: Mørland & Debra Scarlett – Monster like me

4. San Marino: Anita Simoncini  & Michele Perniola – Chains of light

5. Irland: Molly Sterling – Playing with numbers

Na, da tun wir doch den jüngsten Teilnehmern (auch Molly ist erst 16) etwas Gutes. Dann an 6. Stelle wieder ein Duett – Litauen ist etwas flotter als Tschechien, also platziere ich hier die Happy Heuernte. Dann Leonor aus Portugal. Und die Prager Powerhymne am Schluss.

6. Litauen: Monika Linkyte & Vaidas Baumila – This time

7. Portugal: Leonor Andrade – Ha um mar que nos separa

8. Tschechien: Marta Jandová & Václav Bárta – Hope never dies

Na also geht doch, mit den richtigen überlegt gewählten Supportmitteln ist das kein Problem mehr, ich bin sicher der echte Edgar hat auch ähnliche Techniken drauf. Die Reihenfolge von OLiver-Edgar (dank Barbra) ist demnach wie folgt:

1. Montenegro: Knez – Adio
2. Malta: Amber – Warrior
3. Norwegen: Mørland & Debra Scarlett – Monster like me
4. San Marino: Anita Simoncini  & Michele Perniola – Chains of light
5. Irland: Molly Sterling – Playing with numbers
6. Litauen: Monika Linkyte & Vaidas Baumila – This time
7. Portugal: Leonor Andrade – Ha um mar que nos separa
8. Tschechien: Marta Jandová & Václav Bárta – Hope never dies

Auch geographisch ist das gut gemischt, es sind aber ohnehin keine Länder dabei, die aneinander grenzen. Im letzten Jahr gab es eine Pause (Werbebreak) zwischen den Nummern 5 und 6. Nach Irland kann man gut in die Werbung schalten und Litauen ist ein guter Neustart, hatte ich zunächst beim fehlgeschlagenen Erstversuch ja auch auf der Nummer Eins. Würde es auch umgekehrt funktionieren? Von Tschechien auf der 1 bis Montenegro auf der 8? Nicht ganz so gut meine ich, dann käme das Semifinale nicht sonderlich in Schwung… man braucht einfach jemand mit Schmackes wie Amber schon eher vorn im Ablauf.

Zufrieden räume ich meinen Sitzsack vom Balkon und beschließe einen Nussspender für das Eichhörnchen an den Baum zu hängen. Matthias-Edgar, übernehmen Sie für den letzten Part, das Codewort für den Anschluss ist „Hope never dies“!

Hier die Arbeiten meiner Kollegen Tjabe-Edgar und Jan-Edgar, die die erste und die zweite Hälfte des ersten ESC-Semifinals sinnvoll sortiert haben.